Konzertbericht

HEALTH


Wenn man mal wirklich drüber nachdenkt, ist eigentlich eine der größten Albernheiten der aktuellen alternativen Musikszene, dass HEALTH HEALTH heißen – zumindest, wenn man deren berüchtigte Live-Auftritte betrachtet. Denn während die Alben der Kalifornier zumindest für jene, die nicht sowieso jede Noiseband mit Weihwasser besprenkeln, genügend Raum lassen, Schönheit und Genialität der bis ins Detail durchdachten Strukturen erkennen und lieben zu lernen, kann der Hase live schon mal etwas anders laufen – und zwar schnurstracks mit dem Kopf gegen die Wand. Genickbruch statt Gesundheit.

Natürlich ist es aber auch eine ausgezeichnete Idee, sich ausgerechnet an einem Tag HEALTH auszusetzen, an dem man zum Abkühlen wahrscheinlich in die Sauna gehen könnte. Dementsprechend lange ziert sich ein Großteil des Hamburger Publikums dann auch, wenigstens marginale Abendbrisen zusätzlich noch gegen die stickige Raucherluft des Hafenklang auszutauschen. Wer dennoch früh genug kommt, wird mit Know Skools aus Münster nicht wirklich bestraft und nicht wirklich belohnt. Eigentlich wird er vorrangig einfach nur beschallt, mit einer okayen Mixtur aus Indie à la Sometree und Instrumentalgeballer à la And So I Watch You From Afar. Interessant nur die anscheinend nicht unbedingt scherzhaft gemeinte Aussage, der eigentliche Sänger sei wegen des WM-Hits, an dem er mitwirke, nicht dabei. Auch Uwu Lena stammen aus Münster – nur mal so zum Nachdenken.

Die halbstündige Umbaupause konnte daraufhin produktiv genutzt werden, um sich eventuelle WM-Songs von HEALTH vorzustellen – nur, um sich solche (und auch alle anderen) abwegigen Gedanken bereits bei den ersten Tönen von eben jenen aus dem Schädel donnern zu lassen. Wer's noch nicht irgendwo anders aufgeschnappt oder am eigenen Leibe erfahren hat: Wer Konzerte von HEALTH ohne Ohrenschutz aufschnappt, verärgert seine Krankenversicherung und erfreut seinen Ohrenarzt. Denn was schon auf Konserve seine Energie am besten bei aufgedrehten Reglern entfaltet, wird im engen Club logischerweise zur akustischen Ganzkörpererfahrung aufgebaut. Wer den Club nach kurzer Sauerstoffpause zu spät und unvorbereitet wieder betritt, wird von der schieren Dezibelzahl fast schon rücklings wieder rausgepfeffert.

Umso wahnsinniger eigentlich fast schon, dass bei dieser Energie, die HEALTH entfachen, nicht einmal tanzende Indiemädels befremdlich erscheinen, die eher wirken, als hätten sie HEALTH beim Kartenkauf mit Hot Hot Heat verwechselt: Denn auch live scheinen bei aller Lautstärke immer wieder all jene Strukturen durch, die die Titulierungen der Remix-Alben („Disco“ beziehungsweise „Disco2“) rechtfertigen. Auch die Band gibt ihre Musik nicht im Stillstand preis – statt Vorwärts-links-rechts erblickt man auf der Bühne jedoch vielmehr Berzerker an den Percussions und einen Bassisten, der scheinbar jeden in der ersten Reihe mit seinem Instrument persönlich enthaupten will. Womit wir auch wieder bei der Unangebrachtheit des Bandnames wären: Ein HEALTH-Konzert im schwitzigen Hafenklang würde mit Sicherheit nicht vom Onkel Doktor empfohlen werden, ist dafür aber irgendwie eher wie guter Sex: Heiß und laut. Aber der soll ja andererseits auch gut für die Gesundheit sein.

Photo: Pressefreigabe City Slang

Jan Martens

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