Konzertbericht

Evelyn Evelyn


Man kann so ziemlich viel machen, am ersten Mai, in Berlin. Diverse Straßenfeste besuchen, das alljährliche Theater in Kreuzberg anschauen oder lieber gemütlich zu Hause sitzen. Am ersten Mai dieses Jahres bot sich eine weitere Alternative: Im Theater sitzend Feste zu feiern. Amanda Palmer, bekannt geworden durch die Dresden Dolls, und Jason Webley, bekannt geworden als Jason Webley, haben das Berliner Babylon auserkoren, um ihr gemeinsames Projekt Evelyn Evelyn darzubieten. Dabei ist "darbieten" die richtige Beschreibung, denn an diesem Abend – so viel vorweg – gibt es für den Besucher mehr zu sehen als nur zwei Musiker, die Instrumente spielend auf einer Bühne stehen und ein paar neue Songs und alte Hits zum besten geben. Aber der Reihe nach.

Zunächst einmal betritt ein kleiner kauziger Mann die Bühne. Sxip Shirey heißt dieser, und er erzeugt mit allerhand Hilfsmitteln wie kleinen Glöckchen Töne, unter die er HipHop-Beats legt. Später wird Sxip als eine Art Moderator für die sehr schüchternen Zwillinge Evelyn Evelyn fungieren.

Nachdem die beiden aneinandergewachsenen Geschwister langsam die Bühne betreten und mit einem kleinen Tüchlein die Instrumente geputzt haben, beginnt das Set mit dem gleichnamigen Song zum gleichnamigen Album, das den gleichen Namen wie die Band trägt. Während des einstündigen Konzertes wird der Zuschauer immer wieder Zeuge oder auch Mitgestalter eines skurrilen Sets. So dürfen beispielsweise zwei Personen aus dem Publikum eine Leinwand halten, als das Hörspiel „The Tragic Events Of September“ als Schattentheater aufgeführt wird.

Wenig später muss „Chicken Man“ abgebrochen werden, weil eine Hälfte der Zwillinge in einem Wahnanfall wie von Sinnen auf ein Becken einprügelt – eine Tafel Schokolade hilft, die Situation zu entschärfen. Immer wieder müssen Assistenten auf die Bühne und den beiden Instrumente umschnallen, wobei man ihnen die Aversion dagegen deutlich ansieht. Großartige Coverversionen wie „Lean On Me“ oder „Love Will Tear Us Apart“ ergänzen die Hits der „Band“, allen voran „Elephant Elephant“ oder das gefühlt zehnminütige „My Space“, eine Ode an vergebene Liebesmühe(n) im Internet.

Nachdem „Love Will Tear Us Apart“ wunderbar schmachtend das Set der doppelten Evelyn beendet hat, könnte eigentlich auch Schluss sein. Verübeln würde man es der Band nicht, bereits jetzt hat sich der Eintritt voll rentiert. Aber: Es kommt noch besser. Jason Webley betritt noch einmal die Bühne, spielt unter starker Mithilfe des Publikums unter anderem seinen „Trombones-versus-Violins“-Song („There's Not A Step We Can Take That Does Not Bring Us Closer“), ehe sich Amanda Palmer hinzugesellt und noch ein paar Songs der Dresden Dolls („Coin-Operated Boy“) und ihres eigenen Soloalbums spielt.

Währenddessen wird der Geburtstag von Sxip mit Kuchen und Bier begangen, welche an die mittlerweile vor der Bühne stehenden Zuschauer verteilt werden. Palmer und Webley spielen sich derweil immer mehr zu Gaga-Versionen ihrer Songs hoch – sei es „Elephant Elephant“ auf Deutsch oder der berüchtigte „Drinking Song“ von Webley, der aus dem stehenden Publikum eine sich im Kreis drehende Masse macht. Völlig außer Kräften – Amanda hatte wenig zuvor ihren eigenen Geburtstag exzessiv gefeiert – beendet Palmer drei Stunden nach Beginn der Show mit einem hochemotionalem Cover von „Creep“ auf der Ukulele das Set. Alle Anwesenden liegen sich derweil selig in den Armen, singen mit oder schauen einfach nur mit offenen Mündern einem überwältigendem Abend hinterher.

Photo by Kyle Cassidy

Klaus Porst

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Rezension zu "Evelyn Evelyn" (2010)

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