Konzertbericht

Eels


Photo: Niels Alpert

Wie oft habe ich mir schon gewünscht, live mehr von einer Band zu erleben. Näher dran zu sein. Mehr zu erfahren. Doch kann es auch zu viel des Guten sein?

In dem bestuhlten Theater am Tanzbrunnen dachte sich das gut gemischte Publikum nichts dabei, als die Vorband vor einer Leinwand auftrat. Nachdem die letzten Töne von Gus Black verklungen waren, zu denen ich leider aufgrund meines späten Eintreffens nicht viel sagen kann, stieg um mich herum die Vorfreude auf die Hauptattraktion des Abends. Der Saal wurde verdunkelt, die Spannung war zum Greifen nah und dann...ein Vorfilm(?!).

Parallele Welten, Schrödingers Katze, Photonen.....Eels? Das fehlende Glied in dieser Kette ist Mark Oliver Everetts Vater Hugh Everett III, seines Zeichens Quantenphysiker. Mark Oliver, der fast Prince'sche Kreativität in Bezug auf die eigene Namensgebung besitzt und sich inzwischen hauptsächlich E nennt, folgt den Spuren seines alten Herrn und versucht mit Hilfe von diversen Princeton-Professoren dessen "parallele Welten"-Theorie zu verstehen. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund und bringt einen der besagten Professoren fast mit der Frage aus dem Konzept, was eigentlich ein Photon sei. Am Anfang der Dokumentation wird kurz E's Familiengeschichte thematisiert, eben jene tragischen Momente (seinen Vater fand er 1982 tot in seinem Bett, 1996 beging seine Schwester Selbstmord, zwei Jahre später starb seine Mutter an Lungenkrebs), die ihn so sehr geprägt haben. Dies wirkte ein bisschen wie der Wink mit dem Zaunpfahl für eben jene Zuhörer, die sich bisher noch nicht besonders intensiv mit den Motiven der Eels beschäftigt haben.

Um 21:30 wurde die langsam aufkommende Frage, ob nicht vielleicht doch eine Band spielen sollte (laut Veranstalter war 20 Uhr eigentlich Beginn) endlich beantwortet und E himself betrat die Bühne, Multi-Instrumentalist Chet folgte ihm nach drei Songs und blieb an diesem Abend E's einziger musikalischer Begleiter. Der Fokus des Abends wechselte zwischen Unterhaltung und Musik. So las E beispielsweise einige Konzertrezensionen vor, eine "versehentlich falsch adressierte" Eagles-Rezension inklusive, Chet ließ uns an den Lieblingsstellen von Mark's Autobiographie teilhaben und auch für eine mystische Stimme aus dem Off war man sich nicht zu schade. Dies wirkte zwar ein klein wenig aufgesetzt, hatte aber nicht nur aufgrund des hohen Ironiegehalts enorm viel Charme.

Trotz der kleinen Besetzung hatte "an evening with the Eels" auch musikalisch viel zu bieten. Herr Everett führte uns durch eine von tiefer Melancholie geprägte Songwelt, bei der das letzte Studioalbum "Blinking Lights And Other Revelations" das Herzstück bildete. "Susan's house" wurde interessanterweise zwar im oben genannten Unterhaltungsteil thematisiert, aber nicht gespielt. Gefehlt hat es allerdings nicht besonders, denn das Konzert wirkte wie aus einem Guss. Ob nun "Ugly Love", "Jeannie's Diary", "I Like Birds" oder "Novocaine For The Soul", die Songs fügten sich fast nahtlos ineinander. Schnell konnte man den Vorteil von zwei Multi-Instrumentalisten auf einer Bühne erkennen. Chet und Mark wechselten fröhlich die Positionen, mal war der Eine am Bass/an der Gitarre/am Schlagzeug/am Klavier, mal der Andere. Besonders gelungen war "Flyswatter", bei dem Chet am Schlagzeug begann und nach dem halben Song von E abgelöst wurde, natürlich im fliegenden Wechsel mit darauf folgendem Solo. Kurz nach 23 Uhr war leider auch bereits die zweite Zugabe "P.S. – You Rock My World" vorbei und der schöne Abend fand so einen gelungenen Abschluss.

Marcel Eike

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