Konzertbericht

Big Thief


Big Thief spielen an einem Montagabend Anfang März 2020 im ausverkauften Berliner Astra. Da folgt jetzt normalerweise ein Konzertbericht, die Band spielt Songs, es ist super, und so weiter. Normal ist das aber alles auf einmal nicht – seit besagtem Konzert am 9. März hat sich die Realität einmal auf den Kopf gestellt, dieser Montagabend wirkt länger als einen Monat entfernt.

Der wenige Tage später folgende Bruch der gesellschaftlichen Realität durch Corona ist schon spürbar, in eine rappelvolle Konzerthalle gehen fühlt sich schon nicht mehr ganz so frei an wie gewohnt. Über den Tag verteilt schon der mehrfache Check, ob das Konzert noch stattfindet – es soll das letzte reguläre der Tour werden. Tags drauf in Kopenhagen teilt die Band das Konzert in zwei kleinere auf, von denen das zweite untersagt wird – dann ist die Tour vorbei, so wie alle anderen Touren weltweit alsbald auch. Und so richtig voll wie ausverkauft ist auch das Berliner Konzert nicht, scheinbar sind ein paar Menschen schon zu Hause geblieben.

Das Konzert wird also nicht nur wegen Big Thief ein denkwürdiges, sondern gerade, weil es eine Zäsur auf unbestimmte Zeit darstellen soll. Es ist sehr erfüllend, dass Big Thief diese Rolle vollkommen ausfüllen, und dem Abend auch von sich aus Denkwürdigkeit verleihen. Von dem Moment, an dem sie die Bühne betreten, übernehmen sie vollkommen die emotionale Kontrolle über das Publikum. Es wird eine fast zweistündige, tiefgehende Schwebe, hängend an Adrianne Lenkers Lippen, getragen von Bass, Gitarre und Schlagzeug der übrigen Bandmitglieder. Beeindruckend und mitreißend ist es, wie die Band sich als völlig Einheit präsentiert, sich quasi komplett frei durch ihre eigenen Songs jammt. Big Thief spielen einen bunten Mix durch alle vier Veröffentlichungen, ohne klaren Schwerpunkt, mit dabei sind auch neue, unveröffentlichte Songs wie der Opener "Bruiser". In ihren Setlists ist die Band völlig frei, jeder Abend ist völlig anders, es gibt keine Hits, die obligatorisch immer gespielt werden, und die Band weicht in ihrem Spiel spontan von der vorab verfassten Setlist mehrfach ab. Dies vermittelt ein Gefühl beeindruckender künstlerischer Freiheit.

Beeindruckend ist auch die Vielfalt des Konzertes, vom schwelgerischen "Mythological Beauty" über akustische Balladen wie "Orange" und das absolut ausufernd abrockende "Not" ist quasi alles dabei, ohne jemals zusammengewürfelt zu wirken. Alles scheint möglich, wenn diese vier Menschen gemeinsam musizieren. Es scheint auch völlig irrelevant, ob nun Publikum da ist oder nicht, und vor wie vielen Menschen die Band spielt, sie wirkt ganz bei sich. Gelegentliche Verspieler oder Holperer machen das Konzert nur noch authentischer und unmittelbarer, hier geht es in erster Linie um das verschworene Gefühl, das die Band in jeder Sekunde ausstrahlt, in wahrstem Gefühl des Wortes Liebe in den Raum versprüht, die hier immer wichtiger und tiefgehender ist als Perfektion. Ein Konzert, das sich direkt in die Herzen der Zuhörer*innen spielt. Und das ist gerade ob der Zäsur, die der Abend darstellt, unglaublich wohltuend, und wird lange bleiben und Kraft geben.

Daniel Waldhuber

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