Konzertbericht

Ben Folds


Ein herkömmliches Klavier - ein Digitalpiano in etwa, oder ein Konzertflügel - verfügt über 88 Tasten. 88 Tasten ergeben 88 Töne, durch deren Kombination von den Nocturnes Frédéric Chopins über die Kunstlieder Schuberts bis hin zur Musik aktueller Künstler wie Tori Amos viele der wichtigsten Werke der Musikgeschichte entstanden sind. 88 Tasten, deren Klang jedoch durchaus noch zusätzliche Nuancen hinzugefügt werden können, wenn sich ein Herr namens Ben Folds auf den Klavierschemel hockt. Aber immer der Reihe nach:

Nachdem die Deutschlandauftritte des Ben Folds - im Folgenden hin und wieder auch mit dem einzigen treffenden Begriff "Der Großmeister" bezeichnet - bis vor kurzem problemlos selbst an der Hand eines unvorsichtigen Sägewerkmitarbeiters hätten abgezählt werden können, staunte die deutschsprachige Folds-Armee wahrscheinlich nicht schlecht, als nach zwei Auftritten im Frühjahr 2007 bereits vier weitere Termine für den Juli 2008 bestätigt wurden. Beide Male wurde die schöne Hansestadt an Elbe und Alster berücksichtigt, doch während sich der Großmeister 2007 noch im großen, charmefreien Docks die Ehre gab, wurde diesmal das aufgrund hochsommerlicher Temperaturen und großen Besucherandrangs heiße, stickige Grünspan bespielt. Es versteht sich von selbst, dass die Location nicht der einzige Unterschied zwischen den zwei Konzerten war, doch gab es auch Gemeinsamkeiten festzumachen:

Beispielsweise wurde das Buch der schrägen Vogel, die Folds als Support auf seine Touren einlädt, erneut um ein weiteres Kapitel erweitert. Nachdem die Stichwörter "weiße, mit Glitzersteinchen und einem aufgestickten Reh im Sonnenuntergang verschönerte Lederjacke" und "Songs mit Namen wie "The Sound Of German Hip Hop" genügen sollten, um den 2007-Support Clem Snide zu beschreiben, wurde zur Belustigung des pünktlich eingetroffenen Publikums nun ein gewisser CornMo geladen: Dieser entpuppte sich als bärtiger Waldschrat mit guten Chancen auf den Sieg im Devandra-Banhart-Lookalike-Wettbewerb, der mal auf mehr (Keyboard), mal auf weniger typischen (Akkordeon) Alleinunterhalterinstrumenten seine skurrilen Songs zum Besten gab. Diese handelten beispielsweise von den misslungenen Roboterpferden, die CornMos Ur-Ur-Großonkel damals für die Weltaustellung in Chicago entwickelt habe, von seinen Jugendfreunden, die sich gerne einmal gegenseitig bepinkelten, oder von der netten deutschen Anhalterin, die CornMo und seinen Bruder während eines Deutschlandtrips mit mannigfaltigen Süßigkeiten versorgte. Das Ganze konnte man lustig, fürchterlich oder auch beides finden, da ein Support jedoch wohl vorrangig die Aufgabe, überhaupt eine andere Reaktion als "Laaaangweilig!" hervorzurufen, konnte man Herrn Folds' Wahl wohl auch diesmal nicht kritisieren.

Schneller Sprung von den Gemeinsamkeiten zu einem Unterschied der Hamburgkonzerte des Großmeisters, der sich bereits bei den ersten Tönen des Konzerts ankündigte - dieses begann nämlich mit einem von Ben und seinen zwei Live-Mitstreitern a cappella gesungenen "If there's a God, he is laughing at us and our football team", das einen der diversen neuen Songs einleitete, die während des Abends gespielt werden sollten und - wie das bei noch unbekannten Liedern nun einmal so ist - kaum Reaktionen hervorrief. Zu jenen Stücken gehörte auch das autobiographische "Hiroshima", das Bens "Arbeitsunfall" während eines Konzerts in Japan zum Thema hat, sowie "Free Coffee", das diesen Bericht zurück zum Cliffhanger des ersten Absatzes führt: Bei diesem Song nämlich erreichte der Großmeister dadurch eine Art blechernen Gameboy-Klang seines Klaviers, dass er neben dem Einsatz eines Verzerr-Apparats einfach ein paar leere Hustenbonbondosen in sein Instrument stopfte.

Dass Folds seine Jünger in den über 100 Minuten seines Konzerts aber nicht nur mit neuen Stücken fordern wollte, braucht nicht erwähnt zu werden. So wurden neben den "kleinen" Lieblingsliedern, die sich von Fan zu Fan unterscheiden mögen, auch die "großen" Hits natürlich nicht vergessen: Das wunderschöne "Still Fighting It" etwa, oder "Army", das einen der wenigen "Bababa"-Chöre mit Daseinsberechtigung aufweist. Oder das aus ausnahmsweise aus der Rente geholte "Bitches Ain't Shit", das zusammen mit Dr. Dre geschrieben worden sei - auch wenn das Wort "mit" laut Aussage Folds' hier vielleicht etwas locker interpretiert sei. Oder das zum Abschluss des regulären Sets gespielte "Not The Same", zu dessen Ende sich der Großmeister als "Oh"- und "Ah"-Chöre leitender Dirigent betätigte. Oder...

Nachdem als Zugabe schließlich mit "Zak And Sara" und schließlich "Rockin' The Suburbs" zwei der Sahnestücke von Folds' Solodebüt serviert wurden, konnte man nicht anders, als wieder einmal den Inhalt jenes letzten Liedes anzuzweifeln, in dem es da heißt: "I'm rockin' the suburbs, just like Jon Bon Jovi did, except that he was talented". Genau wie diese viel zu bescheidene Aussage ließen auch Folds' neue Shirts mit dem Aufdruck "I loveD Ben Folds BEFORE HE SUCKED" den Wunsch aufkommen, den Großmeister mal ordentlich durchzuschütteln. Hamburg liebt dich schließlich, Ben. Also: Bitte auch 2009 wiederkommen!

Photo Credit: Daniel Moss

Jan Martens

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