Konzertbericht

Against Me!


Fangen wir doch mal mit dem an, was gleich geblieben ist, seit Against Me! vor knapp dreieinhalb Jahren das letzte Mal in Hannover spielten. Das ist zunächst einmal eines: Das Faust, das so ungefähr den perfekten Laden für ein solches Konzert darstellt: Angenehme düster-verrauchte Atmosphäre irgendwo zwischen Punkerschuppen und Jugendzentrum, aber dennoch groß genug, um all diejenigen zu beherbergen, die eine der spannendsten Punkrockbands unserer Zeit sehen wollen.

Dass das Faust dazu noch über einen (klugerweise "Gretchen" betitelten) gemütlichen Biergarten verfügt, wirkt sich an einem ungewohnt schönen Aprilabend eher ungünstig für die Vorbands aus: So lässt sich so mancher lieber etwas mehr Zeit für die Beendigung seines Wegbiers als für die beiden Vorbands Caves und Roger Harvey. Dabei sind der Hardcorepunk ersterer und der melodiöse Indierock des Brian-Molko-Soundalikes Harvey an sich eine gelungene Einstimmung, stecken sie doch relativ gut die musikalischen Pfeiler ab, zwischen denen sich die Hauptband bewegt.

Was sich an Against Me! geändert hat, ist nicht vorrangig die Bandbesetzung, trotz einer komplett ausgetauschten Rhythmusfraktion. Es ist nicht einmal vorrangig das Geschlecht von Laura Jane Grace, das sich auf das Konzert auswirkt, sondern wie sehr sie mittlerweile zu sich selbst gefunden zu haben scheint: Wirkte Grace 2011, nur Monate vor der Operation, noch irgendwie beklemmt und latent unzufrieden, strahlt sie nun eine ungeheure Fröhlichkeit und Offenheit aus, sei es bei der Animation zum Mitklatschen oder den Nachfragen, ob es Moshern und Crowdsurfern (und davon gibt es so einige) gut gehe. Das Faust dankt gute Laune mit guter Laune.

Nach wie vor konstant ist allerdings die Qualität des Bandschaffens, auch wenn dieses seit "Against Me! Is Reinventing Axl Rose" schon fast alles durchgemacht hat zwischen Punk und Rock, der nur deshalb nicht ins Stadion passt, weil er für Stadionbesucher zu tiefgründig ist. So mischt sich das in Würden ergraute "Pints Of Guinness Make You Strong" dann auch problemlos unter die bereits früh gespielten "True Trans Soul Rebel" und "I Was A Teenage Anarchist", und trotz über 20 Songs in nicht einmal 80 Minuten muss dann doch jedem noch ein ganz persönliches Highlight fehlen – ob es nun das (in anderen Städten gespielte) "Rapid Decompression" oder Highlights von "New Wave" wie "Stop!" oder "Up The Cuts" sind. Bessere Against Me! als aktuell gab es dennoch wohl nie. Gerne auch 2019 wieder im Faust. Und bis dahin bitte in all den anderen sympathischen Clubs, die Norddeutschland so zu bieten hat.

Jan Martens

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