Konzertbericht

A Hawk And A Hacksaw


Manchmal kann die Musikwelt auf den ersten Blick ja schon unfair erscheinen. Beispiel: Da spielt eine Band seit mittlerweile knapp sieben Jahren mit Herz und Seele wunderbaren Balkan-Folk, ohne dass es abseits kleinerer Kreise irgendein Schwein interessieren würde, aber kaum veröffentlicht ein junger Mann namens Zach Condon unter dem Namen "Beirut" ein Album namens "Gulag Orkestar", schon liegt ihm der Feuilleton zu Füßen.

Das hat dann beispielsweise die Auswirkung, dass Beirut - wenn die Tour ausnahmsweise nicht ausfällt - ohne größere Probleme das eine vierstellige Anzahl von Besuchern fassende Docks ausverkauft, während A Hawk And A Hacksaw in einer Spelunke spielen, über die mit schöner Regelmäßigkeit mit lautem Dröhnen die S-Bahn rauscht. Trotzdem jedoch kann das Fundbureau dadurch positiv überraschen, dass es innen weitaus geräumiger ist als es von außen aussieht und der Auftritt dadurch ohne nerviges Gedrängel genossen werden kann.

Vor dem Hauptgang Klezmer-Folk folgt jedoch eine saftige Portion an sogenanntem "Piraten-Jazz" als Vorspeise, serviert von einer Hamburger Band namens Kosmo Koslowski. Deren Musik hätten problemlos auch diverse andere Labels aufgedrückt werden können, wie in etwa "Kindergeburtstags-Klezmer" oder einfach "Volkslied-Soundtrack für einen Märchenfilm, der erst noch gedreht werden muss". Musikalisch passten Kosmo Koslowski also durchaus gut zur Hauptband des Abends, hatten durch eine äußerst markante Querflöte noch einen ganz anderen Sound und dank quietschebunter eingespielter Samples (Diverse Tiergeräusche und sogar das eine oder andere Futurama-Zitat) auch eine gesunde Portion Selbstironie. In der Mitte des Sets konnte die Band gar mit zwei, drei waschechten Hits aufwarten, die auch das von Natur aus tanzfaule Vorbandpublikum mitreißen konnte, alles in allem hatte das Set mit guten 60 Minuten jedoch die eine oder andere Länge.

Da auch die Spielzeit von A Hawk And A Hacksaw die Stundenmarke nicht markant überschritten hat, könnte man so gesehen fast von einem Doppelkonzert der zwei Bands sprechen. Und wo Kosmo Koslowski mit ihrem Trompeter, der etwas wie eine Mischung aus Kindergeburtstagszauberer und einem stockbesoffenen Serj Tankian wirkte, hatten auch die Amerikaner merkwürdig-amüsant anmutende Mitglieder in ihren Reihen: Zum Beispiel einen Posaunenspieler, dem man als Zweitbeschäftigung wohl so etwas wie "Leute auf dem Jahrmarkt beim Hütchenspiel bescheißen" zuschreiben würde oder den lange verloren geglaubten Zwillingsbruder von Michael Moore an der Trompete.

Letztlich unterscheiden sich A Hawk And A Hacksaw jedoch durch ihre zunächst vielleicht sperrig anmutende Musik von all den anderen Balkan- und Klezmerbands, die man in unseren Graden so kennt. Akkordeontöne werden hier oft lange auseinandergezogen, anstatt immer nur wohlklingende Melodien zu spielen. Bläser wirken zuweilen fast disharmonisch-jazzig. Auch versucht sich die Band nicht anzubiedern, spricht kein einziges Wort in die unnötig aufgestellten Mikrofone und bewegt sich nicht mehr, als es das Spielen der Instrumente verlangt - im Gegensatz zu einer merkwürdigen Ausdruckstänzerin in der ersten Reihe des Publikums.

Hiermit dürfte auch die Anfangsfrage geklärt sein, ob die eher geringe Popularität von AHAAH im Vergleich zu der Beiruts ungerechtfertigt sei: Wahrscheinlich nicht. Denn AHAAH haben keinen knuffigen Frodo-Lookalike mit Engelsglockenstimme als Frontmann und schreiben und spielen auch Lieder weit abseits typischer 3-Minuten-Länge. Doch trotz eventueller zeitweiliger Sperrigkeit wissen AHAAH in ihren besten Momenten wohl noch mehr zu begeistern als der "große" Genre-Vetter, was offene Münder bei der virtuosen Akkordeon-Geigen-Zugabe beweisen. Und, was vielleicht am wichtigsten ist: Trotzdem transportieren AHAAH die Schönheit der osteuropäischen Musik vielleicht am schönsten in unseren Kulturkreis. Da kann die S-Bahn noch so laut rumpeln.

Jan Martens

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Rezension zu "Cervantine" (2011)

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