Festival-Vorbericht

Omas Teich Festival 2008


Als man noch ein Kind war, gehörten die Besuche bei der Oma doch immer zu den Highlights des jungen Lebens: Wenn man das eklige Willkommenskussgeschlabber überstanden hatte, begannen selige Stunden voller selbstgemachter Kekse, dankbaren Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Opfern und finaler Schokoladen- und Geldgeschenke für den Nachhauseweg. In späteren Jahren verlor all dies - abgesehen von den Geldgeschenken vielleicht - und somit auch der Besuch in Omas Häuschen zwar allmählich an Attraktivität. Nichtsdestotrotz gibt es seit mittlerweile zehn Jahren auch für den Kindesschuhen Entwachsene einen guten Grund, sich den Trip zu "Oma" als Höhepunkt des Sommers im Kalender zu markieren: Omas Teich Festival.

Was 1998 als kleine Gartenparty mit Grill, Ghettoblaster und 40 Besuchern im idyllischen, zwischen Aurich, Leer und Emden in Ostfriesland gelegenen Großefehn (damals übrigens tatsächlich noch am Teich der Großmutter eines der Veranstalter) begann und erst im zweiten Jahr seines Bestehens die ersten Bands präsentierte, entwickelte sich im Laufe der Zeit immer mehr zu einem Geheimtipp für 5000 Festivalliebhaber weit über Niedersachsens Grenzen hinaus. Waren es zunächst noch ausschließlich Kapellen aus benachbarten Provinzmetropolen, die die Besucher unterhielten, wurden nach und nach immer bekanntere Indie-, Rock- und Punkbands aus ganz Deutschland präsentiert: In etwa die Münsteraner Neo-Punk-Heroen Muff Potter, die Kieler Rotzrocker von Smoke Blow oder auch Blackmail aus Koblenz, die mit Fug und Recht als eine der besten Alternativerockbands Europas gehandelt werden. Doch auch ausländische Bands verschlug es mehr und mehr an die Nordseeküste, allen voran die schwedischen Indie-Darlings Shout Out Louds, die das Festival 2006 headlineten. 2007 gelang den Oma-Bookern dann - zum Zeitpunkt der Anfrage wohl noch unwissentlich - ein gewaltiger Coup, als sie die schottischen Kritikerlieblinge Aereogramme präsentieren konnten. Diese hatten bereits zuvor ihre Auflösung bekannt gegeben und spielten in Großefehn nicht nur ihr letztes Konzert auf dem europäischen Festland, sondern ihr vorletztes Konzert überhaupt und beschlossen so eindrucksvoll den Festivalfreitag.

Doch was ein guter Booker ist, der ruht sich natürlich nicht auf solchen Lorbeeren aus, und so wird auch 2008 wieder eine Fuhre ansprechender Bands für fast jeden Geschmack nach Ostfriesland geholt. So konnten Kaizers Orchestra aus Norwegen als Headliner des ersten Festivaltages verpflichtet werden, die mit Recht als eine der großartigsten Livebands der Welt gelten und diesen Sommer neben Omas Teich auch großen europäischen Festivals wie dem Frequency und dem Pukkelpop ihren Stempel aufdrücken werden. Unterstützt werden sie dabei unter anderem von den belgischen Elektrorockern Goose, die sozusagen als Late-Night-Special all jene in zuckende Ekstase versetzen wollen, die nach der Show der Norweger noch aufrecht stehen können. Ebenfalls elektronische Töne gibt es bereits einige Stunden zuvor mit den Indie-Trashern von Bratze, auch Indie-Pop von The Horror The Horror sowie Neopunk von Turbostaat - die Omas Teich bereits zum dritten Mal besuchen - werden am ersten Festivaltag geboten.

Nach diesem wilden Mix aus Elektronik, Pop und skandinavischem Chaos steht der zweite Tag dann etwas konventioneller im Zeichen der harten Gitarrenklänge. So geben sich bereits zur Nachmittagszeit, wenn der Kater des Vortages langsam dem neuen Bierdurst zu weichen beginnt, zwei der interessantesten Nachwuchsbands, die Deutschland momentan zu bieten hat, die Ehre: Trip Fontaine und Escapado. Auch mit den darauffolgenden Emo-Rockern Jupiter Jones sowie den Punk-Urgesteinen Spermbirds wird das Pogopotential keineswegs gesenkt; wer danach am frühen Abend Erholung benötigt, der ist bei Keith Caputo - Life-Of-Agony-Frontmann auf Singer/Songwriter-Solopfaden - genau richtig aufgehoben. Nach dieser kurzen Verschnaufpause ist es - nach Kaizers Orchestra am Vortag - erneut eine nordeuropäische Band, die die Festivalbesucher zum Schwitzen bringen will: Johnossi aus Stockholm, das wohl heißeste Gitarre-und-Schlagzeug-Duo Schwedens, die ihr aktuelles Album "All They Ever Wanted" mitbringen werden. Ebenfalls eine neue Scheibe am Start haben auch Blackmail, die nach ihrem umfeierten 2005er-Auftritt bei Omas Teich nun noch einen drauf setzen wollen und den Samstag als Headliner beschließen.

Wer nun jedoch fürchtet, am Sonntag morgen gleich wieder zu Kaffee und Kuchen mit Mama und Papa ins Alltagsleben geschmissen zu werden, liegt falsch - und zwar dank des Hamburger Labels Grand Hotel Van Cleef. So scheint es Thees Uhlmann und seinen Bierfreunden Tomte bei ihrem letztjährigen Auftritt so gut bei Omas Teich gefallen zu haben, dass nicht nur sie, sondern gleich der komplette Tross des "Fest Van Cleef" Großefehn dieses Jahr einen Besuch abstatten. Neben erwähnten Tomte sowie Kettcar, die als Headliner auch sicherlich Stücke ihres jüngst erschienenen, dritten Meisterwerks "Sylt" präsentieren werden, hat es auch das Rahmenprogramm in sich: Neben Feuilleton-Liebling Niels Frevert und Voxtrot aus Austin, Texas spielen auch The Robocop Kraus aus Nürnberg und die Newcomer The Ghost Of Tom Joad auf. Exklusiv in Großefen vervollständigen zudem Home Of The Lame und Computer das Programm.

Somit bietet auch der Sonntag musikalische Leckereien en masse für den geneigten Festivalbesucher. Wer sich trotzdem nicht für Drei-Tages-Kombi-Ticket für 59,50€ entscheiden möchte, hat außerdem die Wahl zwischen einem Kombiticket für Freitag und Samstag sowie seperaten Tageskarten für alle drei Tage. Finanzielle Gründe sollten also eigentlich niemanden davon abhalten können, dem knuffigen Festival in der norddeutschen Tiefebene einen Besuch abzustatten. Und falls doch: Einfach mal wieder Omas Häuschen einen Besuch abstatten.

Jan Martens

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