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Radio? Nicht im Ernst?


Als Gretchen-Frage für den Konsumenten von Rundfunk und Fernsehen erscheint heute, wenn Fairness fordernde GEZ-Werbespots mit Stasi-HipHoppern ignoriert werden: Zahlst Du? Eine Frage, die sich subjektiv, ohne als Dummkopf dazustehen, einfach mit "Ja" beantworten lässt. Das gilt zumindest solange der Hörer sich vorstellt, seine Gebühren dienten allein der Finanzierung der ihm zusagenden Programme. Eine subjektive Auswahl könnte zum Beispiel heißen: Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur, Tagesschau und -themen, Heute und Heute Journal, sowie Arte, NDR-Info und 3Sat. Dann gibt es auch kaum einen Grund, sich über zu wenig Qualität pro Euro zu beschweren.

Dennoch erheben sich kontinuierlich Beschwerden über das schlechte Programm der öffentlich-rechtlichen Sender, mal mehr auf den Hörfunk, mal mehr auf das Fernsehen bezogen. Aktuell zeigt sich dies in der – berechtigten – Erregung im Zuge der Absetzung von u. a. Klaus Walters "Der Ball ist rund" im Hessischen Rundfunk. Dies ist nur einer von vielen möglichen Ansatzpunkten, wenn auch vielleicht eine der fraglichsten Aktionen aufgrund des einmaligen Nischencharakters der Sendung und seiner vieljährigen Kür zur besten Radiosendung des Jahres. Allerdings erscheint – im Versuch der Objektivität – die Begründung des HR ebenso berechtigt, ein Programm anzustreben, das 24 Stunden 7 Tage die Woche "durchhörbar" ist.

Nicht nur für den Hessischen Rundfunk, auch für seine öffentlich-rechtlichen Geschwister stellt sich im Konkurrenz-Verhältnis mit einer Vielzahl von privaten Sendern die Frage, wie die Erfüllung der eigenen Aufgaben zu erreichen ist. Aufgaben, die im Grunde eben ausschließlich in Hörerzahlen messbar erscheinen. Am einfachsten löst eine Senderfamilie dies natürlich, indem sie versucht, jeder häufig, um nicht zu sagen massenhaft, vorkommenden Hörgewohnheit einen möglichst angepassten Kanal zuzuweisen. Wo Hörerminderheiten im Internet sowieso viel einfacher zufriedenstellende Programme oder auditive Befriedigung erhalten, steht die Bindung der verbleibenden "Masse", der im Zuge ihrer Tätigkeit unter Umständen zum Radiohören gezwungenen Arbeitnehmer im Vordergrund. Wenn dieser nachts und am Tag oder wechselweise tätige Hörer gezwungen ist, sich zwischen der andauernden Suche nach einem brauchbaren Kurzzeit-Programm und dem ihn durchschnittlich am geringsten störenden Programm zu entscheiden, fällt die Wahl sicher einfach aus. Ist nicht eben dies Problem – es existiert kaum ein "durchhörbarer" Sender für die Hörer populären Indies und Alternatives – der Grund für die alltäglichen Beschwerden über das Radioprogramm? Autorensendungen schön und gut, doch im Alltag wünscht sich der nicht vollkommen gleichgeschaltete – uups, der nicht dem Durchschnittsmusikgeschmack entsprechende – Hörer ebenfalls eine möglichst wenig belästigende, aber doch interessante musikalische Begleitung durch den Tag.

Dieses Problem – des den geringsten ohralen Widerstand suchenden Hörers – haben so ziemlich alle öffentlich-rechtlichen – und nicht nur diese – Senderfamilien. So beobachtet der Hörer bundesweit die gleiche Grobeinteilung: Pop für die Alten, Pop für die Jungen, Schlager, Klassik und Kultur, Information. Die meiste Konkurrenz herrscht sicherlich im pauschal "Pop für die Alten" genannten Bereich, den zum Beispiel NDR2 oder HR3 abdecken. Der – dieser Tage besonders angeklagte – HR steht im Kampf um diese größte Zielgruppe der Pop-Hörer nicht nur in Konkurrenz zu den frei wirtschaftenden Sendern, sondern der hessische Radiohörer besitzt zudem in den meisten Regionen den zweifelhaften Luxus, Teile der bayrischen, mittel-, nord- und/oder westdeutschen Sender empfangen zu können. Vielleicht liegt darin begründet, wieso der Hessische Rundfunk sich zwar nicht nur fünf, sondern sogar sechs Sender leistet – de facto gibt es Pop für Junge, Pop für Alte und Pop für Mittelalte – und wieso dennoch seine Programme weniger Freiräume zu bieten scheinen – siehe "Der Ball ist rund" – als es zum Beispiel im abendlichen und nächtlichen Programm des NDR der Fall ist. In der Tat überzeugen auch die abendlichen Autorensendungen im NDR nicht unbedingt durch ihre alternative Weltoffenheit, doch finden sich immer wieder zu den erstaunlichsten Zeitpunkten Sendungen, deren musikalische Inhalte die eigene Weltsicht erweitern, die vielleicht nicht in wöchentlicher Wiederholung begeistern, aber zumindest immer mal wieder überraschen. Dagegen stellt nicht nur der HR in den meisten Sendern spätestens Mitternacht den eigenen Betrieb ein und übergibt an die ARD-Gemeinschaftsproduktionen. Wieso der NDR dies nicht in diesem Maße tut, mag sowohl am größeren Sendegebiet, an geringerer Konkurrenz zu anderen ARD-Töchtern liegen, als auch darin, dass er mit Bremen, Hamburg und Hannover mehr – potentiell nachtaktive – Ballungsräume beschallt.

Natürlich bilden sporadische oder monatliche, ja selbst wöchentliche Feuilleton-Sendungen im Nachtprogramm keine Alternative zu einem wöchentlichen abendlichen Anlaufpunkt für aufgeschlossene Hörer der verschiedensten Minderheiten. Aber sie zeigen auf, wo die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nicht nur potentiell Senderaum für solche Sendungen bieten, sondern wo diese – regional unterschiedlich – sogar stattfinden. So finden sich gerade in den bundesweit ausgestrahlten Programmen des Deutschlandradios immer wieder die nötigen Anlaufstellen. Sie sich zu erschließen, erfordert jedoch einen gewissen Aufwand, eine Mühe, die eine 25jährige Institution anzulaufen nicht beansprucht. Die wahre Alternative jedoch zu Klaus Walters "Der Ball ist rund" – bzw. zur Zeit sogar seine Konkurrenz am Sonntagabend – findet sich tatsächlich nicht im öffentlich-rechtlichen, nicht einmal im deutschsprachigen Radioprogramm. John Kennedys "Up from the Underground" auf BFBS Radio 1 leistet den gleichen Dienst wie Walter für große Teile des Nord-West-Deutschen Radiopublikums.

Überhaupt zeigt das Sendeschema von BFBS Radio 1 eine Fülle an guten Sendungskonzepten – neben manch dem Sendeauftrag geschuldeten, weniger überzeugendem Programm. Es gibt keinen Grund, warum eine solche Struktur nicht auch im Rahmen eines öffentlich-rechtlichen Senders die gleiche Hörerzahl erreichen sollte, wie zum Beispiel HR1, HR3, NDR2, N-Joy, MDR Jump, Sputnik oder YouFM. Mit diesem Bezug lässt sich einfach mehr Mut von den Verantwortlichen verlangen, allerdings stehen da Aufwand, erreichbares Ziel und Notwendigkeit dieses Mutes potentiell im Widerspruch zueinander. Auch ist noch die Vielfalt der deutschen Radiolandschaft insbesondere dank Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur gegeben, wobei diese beiden eben weder eine Beschallung ohne Anstrengung noch ein einfach durchhörbares Programm liefern. So ähnelt die Absetzung von "Der Ball ist rund" natürlich einem Skandal, doch lässt sie sich nachvollziehen. Es verliert die deutschsprachige Radiolandschaft damit eines seiner Aushängeschilder, aber im Jahr 2008 gibt es für jeden potentiellen Hörer (zwischen zwanzig- und dreißigtausend wohl zuletzt) mehr als einen Weg, das zu kompensieren.

Oliver Bothe

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