Story

Indie-DJ sein. Die ganze Wahrheit.


DJs sind mit so vielen Klischees behaftet, dass damit ganze Bücher gefüllt werden könnten. Wie viele tatsächlich wahr sind, kann man bestimmt an einer Hand abzählen. Ja, man bekommt ab und an kommentarlos eine Telefonnummer zugesteckt und man erntet viele bewundernde Blicke, die das Ego auch mal zu viel des Guten massieren. Trotzdem soll hier mal endlich Schluss gemacht werden mit der ganzen Beweihräucherung und dem Neid auf DJs. Wir haben es nämlich viel schwerer als die Meisten es vermuten würden. Um es in einem Satz auf den Punkt zu bringen: Wir sind die Huren des Tanzvolkes!

Eines der größten Ärgernisse eines DJs ist die furchtbar in Mode gekommene Angewohnheit, so spät wie möglich aus dem Haus und in die Clubs zu gehen. Nicht, dass wir es anders machen würden, aber wenn wir um 22 Uhr beginnen, dann wollen wir am liebsten auch gleich die Tanzfläche voll haben. Oder vielleicht doch nicht... Denn die ersten zwei Stunden gehören fast immer größtenteils uns. Zeit, Sachen zu spielen, zu denen man selbst am liebsten tanzen würde, oder die später einfach nicht mehr die Stimmung des gemeinen Volkes hochhalten könnten.

Bis Mitternacht ist auch die Zeit, in der deine größten Gönner, vom eigenen Freundeskreis mal abgesehen, auftauchen. Grundsätzlich gilt: Wer als erstes tanzt, wird über den ganzen Abend hinweg kein einziges mal nerven und meistens auch bis zum Ende die Stange halten und mit dir zusammen den Club verlassen. Es ist die Sorte von Menschen, die den DJ einfach mal machen lassen. Sie wissen, er wird schon irgendwie das Richtige tun und wenn er nicht den Song spielt, den man jetzt gern unbedingt hätte, dann ist es auch egal, denn schließlich ist man zum Tanzen hier und nicht auf einem blöden Wunschkonzert.

Womit wir schon beim Knackpunkt wären: das Wünschen. Wenn erstmal die meisten Leute da sind, geht es los. "Kannst du auch mal was von Maximo Park oder Bloc Party spielen?" fragt mich ein Indiemädchen, welches ich schon häufiger in der städtischen Indieszene gesehen habe. Mir wird zuerst schlecht und dann versuche ich, meine aufsteigenden Aggressionen zu unterdrücken. Nicht jetzt, denke ich mir und antworte nett: "Klar, spiel ich später auf jeden Fall." Die Frage, die sich mir bei derlei Wünschen immer stellt, ist: warum tun die das? Sich etwas wünschen, was sowieso auf JEDER beschissenen Indieparty gespielt wird. Kann man nicht einfach geduldig darauf warten oder sich damit zufrieden geben, nur ein einziges Mal darauf zu verzichten? Offensichtlich nicht, denn eine halbe Stunde später steht das Mädchen schon wieder vor meinem Pult und erinnert mich an ihre Wünsche. "Ja ja, spiel ich schon noch!" Warum glaubt sie mir nicht? Wenn ich das so sage, dann ist dem auch so. Was ich aber überhaupt nicht leiden kann, ist, wenn jemand glaubt, wir DJs wären eine Jukebox. Der richtige Moment braucht halt manchmal einfach etwas länger, so schwer ist das ja wohl nicht zu verstehen.

Es gibt aber auch andere, positivere Wunschspezies. Wer mit "Darf man sich was wünschen?" beginnt, hat schon fast gewonnen. Er impliziert nicht von vorneherein eine Erwartung, sondern bittet lediglich um einen Gefallen. Das macht das Auflegen um einiges angenehmer und der gewünschte Song ist schneller auf Rotation als sonst. Noch besser, und das glaubt man kaum als Außenstehender, jemand wünscht sich etwas, von dem man noch nie etwas gehört hat. Wir DJs fühlen uns deshalb nicht angegriffen, wenn man uns eine Wissenslücke offenbart, ganz im Gegenteil. Neue Tipps und Anregungen zu bekommen hilft nicht nur uns, sondern im Endeffekt auch den Leuten auf der Tanzfläche weiter.

Später am Abend kommt der nächste Knüller. Wieder ein Mädchen, aber dieses Mal kein Wunsch. "Hey, kannst du nicht mal endlich lauter machen? Ist ja furchtbar leise auf der Tanzfläche!" Aggressive Grundstimmung, meine liebsten "Gäste". "Siehst du die LED- Leuchten da?" frage ich, "welche Farbe haben die deiner Meinung nach?" "Rot" antwortet sie. "Ganz genau, und rot bedeutet, dass wir hier mit der Lautstärke am Limit angekommen sind." Nachdem sie behauptet, dass dies nicht sein könne und ich ihr vorschlage, ihre Handyboxen noch an die Anlage zu hängen, verschwindet sie Gott sei Dank wieder...und wird abgelöst von dem ersten Mädchen. Sie wird schnippisch und beschwert sich, dass Maximo Park noch immer nicht gespielt wurde. Neunzig Minuten wartet sie jetzt schon. Ich überlege kurz, ob ich ihr die CD in ihren zu breiten Mund schieben soll, verspreche ihr aber dann zähneknirschend, dass es jetzt gleich soweit sein wird.

Es wird aber tatsächlich noch besser, als ein Typ wenig später auftaucht und mir tatsächlich ernsthaft sagt: "Deine Musik ist total lahm! Kannst du nicht mal was von Billy Talent oder den Ärzten spielen? Wir gehen sonst nämlich nach Hause!" "Besser lahme Musik als nen schlechten Geschmack würde ich sagen." Er guckt mich noch böse an und haut dann aber ab. Noch so ein Ding und ich lauf Amok. Immer, wenn es am Schlimmsten ist, kommt dann aber jemand vorbei und wünscht sich etwas wie The Smiths. Dann weiß man, dass es das doch alles irgendwie wert ist.

Und um das klarzustellen. Indie-DJ zu sein ist ein geiler Job. Es macht meistens unglaublichen Spaß, aber nach Stunden von grausamen Wünschen, Leuten ohne Geduld, Vielfachwünschern und anderen Nervensägen ist man am Ende trotzdem platt wie nach einer Schicht auf dem Bau. Dann möchte man am liebsten nur noch ins Bett fallen und schlafen. Allein.

Benjamin Köhler

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