Rezension

Von Wegen Lisbeth

Grande


Highlights: Meine Kneipe // Bitch // Wenn Du Tanzt // Sushi
Genre: Indie-Pop-Rock
Sounds Like: AnnenMayKantereit // Anajo // Angelika Express

VÖ: 15.07.2016

Von Wegen Lisbeth sind gut genug, um Songs furchtbare Titel wie „Bitch“ geben zu können. Eine viel differenziertere Wertung in einem Satz geht eigentlich nicht – das jetzt nur für die Teile der tl,dr-Fraktion, die die Berliner nicht schon aus dem Vorprogramm von AnnenMayKantereit kennen. Um nochmal etwas vorweg zu nehmen: Zu denen passen sie eigentlich ganz gut – zumindest, was die Attitüde angeht.

Denn ebenso wie jene deutschsprachige Band, die wohl die meisten sich scheidenden Geister des Musikjahres zu verantworten hat, sind auch Von Wegen Lisbeth in ihren Texten zum einen konkret und auf den von Erste-Welt-Problemen bewölkten Mittzwanzigeralltag bezogen, während sie in anderen Kontexten über inhaltsleeres Geschwafel ihrer Generation herziehen. Das als Kritik zu nehmen, wäre hier ähnlich albern wie im zähen AnnenMayKantereit-Diskurs des Frühlings – furchtbarer Gedanke, wenn auch der Pop nur noch politische Protestfahnen schwenken oder sich das Karohemd der Pseudo-Intellektuellen anziehen müsste. Und dennoch: Wer Lieder lang der letzten Freundin den Finger zeigt („Meine Kneipe“) und der hoffentlich nächsten Freundin beim Tanzen zuklatscht („Wenn Du Tanzt“), könnte auch darüber hinweg sehen, wenn andere ihr „Sushi“ auf Facebook posten.

Wie dem auch sei: Gewitzt-ironisch und mit der einen oder anderen „Punchline“ versehen (Danke, Social-Media-Präsenz der Band!) sind die Texte von Sänger Matze ebenso sehr, wie die dazugehörige Musik in Bauch und Beine geht, ohne sich dort allzu schnell vom Gehirn wieder vertreiben zu lassen: Schlimmere Ohrwürmer als „Bitch“ und „Sushi“ müssen erst noch gezüchtet werden, wenn der Beat nicht zum Bootyshaken einlädt („Wenn Du Tanzt“ – huiuiui), kann es auch das Glockenspiel und was sonst noch so hinzugezogen wird (viele Synthies, aber auch Kuriositäten wie Omnichords), macht seinen Job für gewöhnlich auch so gut, dass die Berliner selbst Midtempo hinbekommen. Wenn AnnenMayKantereit am besten zu jener verrauchten Bar passen, in der man an dunklen Tagen der Melancholie frönt, gehören Von Wegen Lisbeth in die Disco nebenan, in die man geht, wenn man sich aus dem Tief wieder hochgekämpft hat. Auch dort wird man über so manche Mitmenschen, so manche Songs den Kopf schütteln – wem der letztendliche Spaß an der Sache aber im Endeffekt am wichtigsten ist, der hat mit Von Wegen Lisbeth eine neue Lieblingsband gefunden.

Jan Martens

Sehen


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