Rezension

Violent Femmes

Hotel Last Resort


Highlights: Not OK // Hotel Last Resort // Paris To Sleep
Genre: Folk-Punk
Sounds Like: Meat Puppets // Pixies // Echo & The Bunnymen

VÖ: 26.07.2019

Die Violent Femmes werden sich auf ewig an ihrem Debüt messen lassen müssen. Das ist nicht fair, spricht aber über 35 Jahre nach dem Release immer noch für ihren Mix aus Punkrock-Geschnodder und Americana-Folk, der 1983 Hits wie "Gone Daddy Gone", "Add It Up" und "Blister In The Sun" aneinanderreihte. Für alle nachfolgenden Veröffentlichungen wird so eine frühe Großtat aber natürlich unweigerlich zum Problem. "We Can Do Anything", das erste Album nach der Band-Reunion vor sechs Jahren, musste sich 2016 vor allem den Vorwurf gefallen lassen, musikalisch wenig Weiterentwicklung zu bieten. "Hotel Last Resort" hat eher das umgekehrte Problem.

Hervorstechendes Merkmal der besten Violent-Femmes-Songs sind seit jeher charmant-rumpelige Mir-egal-das-passt-schon-so-Instrumentals und Gordon Ganos nölig-schnodderige Art, skurrile Texte darüber zu legen. Die auf dem Debüt feuchtwarm ausgedünstete Adoleszenz-Angst würde man dem heute 56-Jährigen nicht mehr so richtig abnehmen und zum Glück versucht er sich auch nicht mehr daran. Aber der Ersatz ist dann ein Gimmick-Song wie "Another Chorus", der von Bands handelt, die zuviele Refrains singen und – tätää, tätää, voll meta, Zwinkersmilie – natürlich mindestens einen Refrain zu viel hat.

Abseits von textlicher Qualität fehlt dem unglücklich gewählten Opener aber noch etwas Anderes: der Charme des Unvollkommenen. Die Produktion ist – für Violent-Femmes-Verhältnisse – sauber und satt, Ganos Gesang sowie die Instrumente ziemlich auf den Punkt. Und während das Niveau der Songs auf "Hotel Last Resort" im Anschluss glücklicherweise steigt, bleibt der etwas kurios erscheinende Kritikpunkt der "zu großen Tightness" bestehen. Nimmt man den Violent Femmes die ungestüme Dringlichkeit, die schrägen Töne, kurz: den Punk, bleibt Folkrock übrig, der zwar seine Momente hat, insgesamt aber ein wenig behäbig wirkt.

"I Get What I Want" etwa schrubbt gehörig auf dem Bass herum und hat einen dieser Gano-Refrains zum Niederknien, klingt aber nach angezogener Handbremse. Auch an "Not OK" ist grundsätzlich nichts verkehrt, man würde ihn nur gern mal von den Violent Femmes von vor 30 Jahren hören. Die Zwickmühle schließt "I'm Nothing" – ein Cover eines alten Violent-Femmes-Songs von 1994. Der ist mit Saxofon und E-Gitarre deutlich fetter instrumentiert als das Original, klingt aber viel glatter und im Gesang frei von Extravaganzen, die sich Gano heute einfach nicht mehr leistet.

Wer das affektierte Nölen des Sängers immer schon nervig fand, wird das vielleicht sogar begrüßen. Und: Gerade ruhigeren Songs wie dem Titeltrack, dem "God Bless America"-Cover am Ende der Tracklist oder dem wirklich ganz unironisch, ungebrochen schönen "Paris To Sleep" steht der reifere Vortrag sehr gut zu Gesicht. "Hotel Last Resort" ist daher auch gar keine schlechte Platte und es lohnt, sich nicht vom Opener abschrecken zu lassen. Es ist nur ein Album, das man nicht mit den größten Violent-Femmes-Hits vergleichen sollte, was aber schlicht nicht möglich ist.

Bleibt die Einordnung in die schöne Kategorie "Alterswerk", die nicht immer nett gemeint ist – in diesem Fall aber (größtenteils) schon.

David Albus

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Violent Femmes – "Hotel Last Resort" (Lyric-Video)

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