Rezension

Viet Cong

Viet Cong


Highlights: March Of Progress // Continental Shelf // Death
Genre: Noise-Rock // Post-Punk
Sounds Like: Parquet Courts // A Place To Bury Strangers // Bauhaus

VÖ: 16.01.2015

Irritation. Der erste Kontakt mit „Viet Cong“ ist geprägt von dem Gefühl, etwas nicht ganz verstanden zu haben. Was das Debütalbum nach nur einem Hördurchgang hinterlässt, ist das schleierhaft verzerrte Bild einer post-punkigen Lärmorgie. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Gleichzeitig zeugt die nur oberflächlich einschüchternde Sperrigkeit von der Eigenwilligkeit und Reife der Band aus Calgary. Wer am Ball bleibt, wird belohnt.

Dass die Kanadier keine Fans von geradlinigen Songverläufen sind, konnte man bereits letztes Jahr mit der Veröffentlichung der „Cassette“-EP erahnen. Mittlerweile reicht ihnen das alleine nicht mehr aus und so erklären sie mal eben übersteuertes Getrommel zum stilbildenden Element eines ganzen Liedes („Newspaper Spoons“) und zelebrieren schrille Gitarren, die Löcher in die Luft schneiden könnten („Silhouettes“), genauso wie das Sich-Verlieren in mantraartig ausgespielten Songelementen. An manchen Stellen erinnert die Konzeption der sieben Tracks ein wenig an die Andersdenker von Animal Collective, nur dass hier die Wand aus Synthesizern gegen die Trickkiste Noise-Rock ausgetauscht wurde. Irgendwie klingt alles so, als hätte genau dort die Bombe eingeschlagen und als wären eilig alle Einzelteile der Unordnung in kleinen Häufchen sortiert worden. Trotzdem oder gerade deswegen verwundert es schon gar nicht mehr, wenn die Musik allmählich an Tiefe gewinnt.

Es ist einfach zu gut gemacht, wenn einen das perkussive „Newspaper Spoons“ in freudige Erwartung versetzt, die abgelöst wird von „Pointless Experience“ mit seiner rhythmischen Bassline und den wie auf Hexenbesen dahinfliegenden, elektrisierten Gitarren. Begeisterung macht sich breit, wenn das verhältnismäßig klar arrangierte „Continental Shelf“ eingängige Melodien parat hält oder wenn sich nach langem Intro die Verspieltheit eines „March Of Progress“ offenbart. Nicht nur in „Bunker Buster“, aber besonders dort kontrastiert Matt Flegels Stimme, die ohne Probleme auch für eine 80er-Jahre Dance-Pop-Band herhalten könnte, mit dem scheppernden Gepolter, das seine Mitstreiter fabrizieren. Ein „Death“, das sich konsequent entwickelt und Zeit lässt, den Umweg über ein ausuferndes Noise-Intermezzo zu nehmen, schließt das Album mit einem letzten Höhepunkt ab.

Man könnte viele Dinge nennen, die Viet Cong einzigartig machen. Letztlich ist es die Summe ihrer Eigenartigkeiten, unter deren Haube sie clever arrangierte Songs verstecken und ihr Debüt als Gesamtwerk funktionieren lassen.

Jonatan Biskamp

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