Rezension

Under Byen

Samme Stof Som Stof


Highlights: Af Samme Stof Som Stof // Tindrer // Heftig
Genre: Postrock
Sounds Like:

VÖ: 20.10.2006

Björk trifft Sigur Rós. Bombast auf zierliche Elfen. Mogwai kollaborieren mit – wieder – Björk. Schubladen sind so hilfreich.

Im Post-Rock-Kontext verweben Under Byen klassische Elemente aus Streichern und Tasteninstrumenten mit Synthesizer-Flächen und klassischem Rock – oder zumindest Post-Rock – Strukturen aus Gitarre, Bass und Schlagzeug. Über, unter und zwischen allem schwebt dabei auf „Samme Stof Som Stof“ Henriette Sennenvaldts Gesang. Zart melodisch und zerbrechlich atonal durchwirken die dänischen Texte die Songs. Wir verstehen nichts und sind doch verzaubert.

Solch vielspurige Szenarien, die den Songkontext durchbrechen und erweitern, wie es vieles auf diesem Album tut und wie es auch Mogwai oder Sigur Rós tun, sind wohl nur in vielköpfigen Kollektiven möglich. Bei Under Byen kommt neben den unvermeidlichen Streichern (Cello, Violine) auch noch eine singende Säge hinzu, die mal tatsächlich singt („Siamesisk“), häufig aber mehr zu lärmen versucht. Ausreizung der Möglichkeiten, in Ton und Lautstärke, scheinen überhaupt Teil des Ziels zu sein. „Liste over sande venner og forbilleder“ verbreitet sich vor- und hintergründig in unseren Hörgängen, führt aber auch die Tieftöner an seine Grenzen.

Der Eröffnungstrack „Pilot“ beschwört in Gitarre und Schlagwerk amerikanische Wüsten herauf, verkantet sich daneben jedoch in den Stahlträgern einstürzender Neubauten. Darin verloren, verirrt in einem cineastischen Zukunftsentwurf aus den Achtzigern, gelingt es der Band in „Den Her Sang Handler Om At Få Det Bedste Ud Af Det“ gleichsam bedrohlich wie zuckersüß zu klingen. Manisch beschwingt, bewegen wir uns im Dunkel einer drogenschwangeren Party-Szene. Es fällt in sich zusammen und baut sich wieder auf. Bricht ein, nur um von oben herab zu schneien oder zu hageln. Säge und Streicher und Piano umtänzeln sich, verweben sich, trennen sich. Weit über sieben Minuten schweben wir über, segeln wir auf einem uns unverständlichen Meer aus Worten und Tönen. Es wird rauer und wilder, doch der Sturm bricht nicht los. Die rohe Behandlung des Schlagwerks und der Percussions haben Under Byen offenbar tatsächlich bei den bereits angedeuteten Neubauten abgeschaut, wie die Industrie-Anlage „Heftig“ beweist.

Wo das Album bisher schon dunkelstes Grau mit leuchtendem Sonnenuntergangsrot verband, bildet „Af Samme Stof Som Stof“ den unangefochtenen Höhepunkt des Albums. Wenn die Percussion durch den Hall aus dem tiefsten Hintergrund Deiner Wohnung erklingen, aus einer Tiefe, die Du gar nichts kennt, dann bist Du endgültig verloren. Vor allem wenn danach eine zehn Minuten Zerstörungs-Symphonie wie „Film Og Omvendt“ folgt.

Daneben findet sich jedoch gleich viel Wohlklingendes auf „Samme Stof Som Stof“. „Palads“ gehört dazu, auch wenn hier besonders stark Bezüge zu den melodischeren Tracks der unvermeidlichen Isländer – Sigur Rós – aufscheinen. Auch „Tindrer“ – zu Beginn an ein Einschlaflied aus einer Musikbox gemahnend – gehört dazu.

Under Byen haben sich für „Samme Stof Som Stof“ aus dem großen Prog-Post-Rock-Industrial-Elfenmusik-Baukasten alles zusammengeklaubt, was gefiel oder passend erschien. So klingt vieles vertraut, alles aber gut und begeisternd. Selbst kleinste Intros oder Outros wie „Panterplanker und „Mere af det samme og meget mere af det hele“ laden zum genauer Hinhören ein und fordern sich in diesem Album zu vertiefen.

Oliver Bothe

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