Rezension

Tyler, The Creator

Goblin


Highlights: Goblin // Yonkers // Tron Cat // Sandwitches // Golden
Genre: Hip Hop
Sounds Like: OFWGKTA // Earl Sweatshirt // Domo Genesis // Hodgy Beats

VÖ: 06.05.2011

Free Earl! Swag! Golf Wang! Odd Future!... Wem all dies nix sagt, hat wahrscheinlich bisher vom Hype des Jahres tatsächlich nicht viel mitbekommen. Eine blutjunge Rasselbande aus Los Angeles mit dem leicht abgedrehten Namen OFWGKTA (Odd Future Wolf Gang Kill Them All) schickt sich an, dem in der Existenzkrise steckenden Hip-Hop-Genre einen gewaltigen Arschtritt zu verpassen. Sie wedeln nicht mit Dollar-Scheinen, haben keine dickärschigen Tussis in ihren Musik-Videos und Bling-Bling kommt höchstens beim Kugellager der Skateboards zum Einsatz. Oder, um es mit anderen Worten zu sagen: die Jungs geben einen Scheiß auf selbstverliebtes und sattes Hip-Hop-Posertum. Sie sind hungrig. Hungrig auf Spaß. Und genau das ist der Schlüssel zum wahrscheinlich größten Szene-Impact seit dem Wu-Tang Clan.

Kopf und so etwas wie der Anführer von OFWGKTA ist der erst 19jährige Tyler, The Creator. Ein hochintelligenter Bursche, der nicht nur nahezu jeden Song des Kollektivs produziert, sondern auch genau weiß, wie man medienwirksam für Aufsehen sorgt. Legendär schon jetzt sein Auftritt bei US-Showmaster Jimmy Fallon. Spätestens danach wusste halb Amerika, dass sich hier was Großes anbahnt und spätestens danach avancierte sein zweites Solowerk mit dem Titel „Goblin“ zum meisterwarteten Album des Jahres. Wie man einem solchen Erwartungsdruck begegnet? Ganz simpel: mit einer unbekümmerten Fuck-You-All-Attitüde.

Tyler, The Creator geht der Hype um seine Person sonst wo vorbei, das macht er bereits in den ersten Zeilen des Eröffnungs- und Titeltracks unmissverständlich klar („I’m not a fucking role model // I’m a nineteen year old fucking emotional coaster with pipe dreams“). Er hat nämlich ganz andere Probleme. Diese heißen wahlweise „Goblin“, „Wolf Hailey“, „Ace“ oder „Tron Cat“ und sind so etwas wie die bösen Dämonen des guten Tyler. Ja, genau die, mit denen sich jeder Spätpubertierende irgendwann mal herumschlagen muss und genau deshalb ist „Goblin“ im Grunde auch nichts anderes als ein Konzeptalbum über das Erwachsenwerden.

Diese Entwicklung selbst betrachtet Tyler, The Creator mit einem Höchstmaß an Ironie. Oder doch Ernsthaftigkeit? So richtig weiß man dies nie so genau... was textlich gesehen die große Stärke des Albums ausmacht. Es gibt viel Interpretationsspielraum und das ist natürlich volle Absicht. Absicht sind auch die mehr als expliziten Lyrics, die zum Teil bedrohlich nahe an der Grenze zum guten Geschmack wandeln („Rape a pregnant bitch and tell my friend I had a threesome“). Das Motto dahinter ist klar: „Hey, ich bin noch jung, ich kann mir das erlauben!“. Garniert werden die Texte schließlich mit Tylers unverwechselbarem Flow, der hin und wieder in den Wahnsinn abrutscht und gerade deswegen so unglaublich authentisch ist.

Musikalisch ist „Goblin“ ein schwer verdaulicher Brocken. Düstere, minimalistische Beats dominieren das Bild und die Songs können gerne auch mal die Sechs-Minuten-Grenze sprengen. Letzteres ist auch ein Hauptgrund dafür, dass das Album etwas zu lang geraten ist und eine Viertelstunde weniger Spielzeit nicht geschadet hätte. Die fantastische Produktion und schiere Energie, die von den meisten Stücken ausgeht, entschädigt aber locker für die eine oder andere Länge. Ist Tyler, The Creator also die Speerspitze einer neuen Hip-Hop-Revolution? Fakt ist, dass sich nicht zuletzt dank ihm mal wieder eine breitere Masse so richtig für Hip Hop interessiert. Wer kann das in den letzten Jahren schon groß von sich behaupten? Außerdem ist hier sogar noch deutlich Luft nach oben und das Potenzial scheint noch lange nicht ausgeschöpft. Fuck the haters, Wolf Gang!

Benjamin Köhler

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