Rezension

Tool

10,000 Days


Highlights: Vicariuos // 10,000 Days (Wings Part 2) // Rosetta Stoned // Right In Two
Genre: Alternative Metal // Progressive Metal
Sounds Like: A Perfect Circle // Deftones // Helmet // King Crimson

VÖ: 28.04.2006

In jedem Genre gibt es Ausreißer. Was Why? für Hip Hop oder Wilco für Country sind, sind Tool für Prog-Rock. Denn die entscheidenden Komponenten Protz, das Pompöse und die Prahlerei, die diese Musikrichtung so manchem nicht gerade schmackhaft machen, sind hier zum Wohle vieler Ohren nicht vorhanden. Für jeden Rezensenten ist es vermutlich der wahre Horror bereits drei Tage nach Veröffentlichung eine halbwegs verbindliche Aussage über dieses vierte Album der Kalifornier abgeben zu müssen, nachdem es vorher von den Bandmitgliedern durch die weltweite Promotiontour, wie ein Löwenjunges behütet, mitgereist ist. Eins kann ich vorab gleich festhalten: Es ist anders geworden, als man es bei den ersten Hörversuchen noch annehmen mag.

Obwohl einem an mehreren Stellen Reminiszensen an "Ænima" und "Lateralus" ins Hirn springen, entwickelt sich mit dem wiederholten Genuß ein ganz eigener typischer "10,000" Days Sound, für den vor allem der Titeltrack steht.
Dieser startet bereits bei "Wings for Marie" mit behutsamem Einsatz der Gitarre, einem unaufdringlichen wiederkehrenden Gong und einem Maynard James Keenan, der mehr denn je seine Stimme als viertes Instrument der Gruppe zum Einsatz bringt. Der virtuose Einsatz der Drums Danny Careys steigert den Song gegen Ende zu einem kurzen Ausbersten und fließt mit diesem Vorgeschmack danach in "10,000" Days über. Etwa bis zur Mitte im zweiten "Wings"-Teil passiert bei den Instrumenten nicht viel neues, bis eine effektbeladene Gitarre ein "Pushit"-ähnliches Finale herbeibeschwört. Lyrisch befasst sich Keenan bei diesen zwei Tracks mit dem Leben seiner Mutter zwischen ihrem Schlaganfall, als er 11 gewesen ist, ihrer damit verbundenen Lähmung und ihrem Tod circa 10000 Tage nach diesem Unglück.

Die erste Singleauskopplung "Vicarious" ist in ihrer Bedeutung deutlich geraten, für Tool untypisch, klingt wie ein verschollener "Lateralus"-Track, rechnet mit den Gaffern, Voyeuren und Schadenfreudigen unserer Gesellschaft ab und macht in Sachen Riffs keine Gefangenen. Weg ist die Verbissenheit des Vorgängers ohne dabei auf epische Landschaften zu verzichten.

"Lost Keys (Blame Hofmann)"/ "Rosetta Stoned" unterstreicht dieses Gesamtbild indem es dem Hörer im Interlude mit Filmdialogsähnlichen Szenen eine Krankenhaussituation offeriert. In dieser spricht ein Doktor zu einem vormals unter Schock stehenden Patienten, der daraufhin im eigentlichen Track von einem Kontakt mit Aliens in anfangs unverständlichem Kauderwelsch daherrappt. Ob Acid Trip/Astralreise oder Realität darf der Einzelne dank der Vielschichtigkeit der Texte selbst diagnostizieren. Musikalisch stapft man hier im Pfad von "Third Eye" und hat mit den knapp 15 Minuten, die dieses Doppelpack anhält, den sperrigsten Song dieses Juwels geschaffen. Die typischen harten Stakkato-Riffs, gepaart mit komplexen Rhytmuspatterns, wechseln sich mit ruhigen Gesangspassagen ab, bis einen Maynards Stimme immer erneut durch den schon oft bei Tool eingesetzten Vocodereffekt packt und mitreißt.

Wesentlich ruhiger geht es im nachfolgenden Track "Intension" zu, der auf mich thematisch als Einleitung zu "Right in Two" wirkt, behandeln doch beide den freien Willen der Menschheit, sowie die Sicht einer dritten Person auf die Unfähigkeit mancher dieses Geschenk richtig zu nutzen. Ein deutlicher Hinweis auf die Vernetzung stellt die angedeutete Gitarrenfigur bei 6:48 dar, die in "Right in Two" daraufhin zum songprägenden Element changiert. Selten hat man Tool in solcher Höchstform wie in diesem Lied erlebt, was aber nicht bedeuten soll, dass die restlichen Stücke den typischen Effet dieser Band missen lassen, soviel sei verraten.

Sicherlich, einem Sprung ins kalte Wasser kommt dieses aufwendig verpackte Album (mit eingearbeiteten 3D-Linsen zur Artworkbetrachtung) nicht gerade gleich, was manchen Konsumenten vielleicht enttäuschen mag. Ferner scheint auch hier der Grundsatz "Never change a winning team" zu lauten und eins kann ich euch sagen: Gewinner sind sie mit diesem Album definitiv, die Tools.

Udo Schumacher

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