Rezension

Tindersticks

The Something Rain


Highlights: Show Me Everything // This Fire Of Autumn // Frozen
Genre: Indie-Rock // Singer-Songwriter // Jazz // Swing // Blues
Sounds Like: Lambchop // Nick Cave And The Bad Seeds // Bill Callahan // Scott Walker // Vic Chesnutt // The National // Antony And The Johnsons

VÖ: 17.02.2012

Man wird skeptisch, wenn ein Album im Vorfeld seiner Veröffentlichung zu sehr angepriesen wird – insbesondere, wenn die Band selbst über ihr neues Werk zu überschwänglich spricht. Alles würde auf „The Something Rain“ zusammenpassen, wie es den tindersticks erst einmal zuvor gelungen sei, verkündete Stuart A. Staples, der Kopf der Band. Dass jetzt auch der Bandname klein geschrieben wird – all das wirkt doch recht erzwungen, gerade so, als ob man nach all den Auf und Abs der letzten Jahre nun mit aller Gewalt das große Überalbum hervorbringen wolle, auf das man als Freund des Frühwerks der Band nun doch schon einige Zeit wartet.

Es muss so deutlich gesagt werden: das große Meisterwerk ist „The Something Rain“ nicht geworden – allerdings ein sehr gutes Album. Ein sehr wichtiges Album vor allem auch, weil es Wagnisse eingeht, weil es für Neuerungen offen ist und weil es eine nun immerhin auch schon 20 Jahre bestehende Band davor bewahrt, in der Belanglosigkeit zu versinken. Das Ganze geht schon los bei diesem Monstrum von einem Opener, dem neunminütigen „Chocolate“, in dem David Boulter von den unverhofften Erlebnissen mit einem Transvestiten erzählt. Wenn eine Band solche Texte haben darf, dann sind es die tindersticks, bei denen dieser etwas befremdliche Charakter zu ihrer direkten, sehr emotionalen und oft erotisch aufgeladenen Lyrik einfach dazugehört. Dass sich die Band allerdings dazu entschlossen hat, in Sachen Instrumentierung einen Schwerpunkt auf das Saxophon zu legen und von den Streicherarrangements der Vorgängeralben Abstand nimmt, lässt dann aber doch Schlimmes ahnen. Zwar haben zuletzt Bon Iver die Ehre des Instruments wieder ein Stück weit hergestellt, doch die Angst vor schwülstigen Saxophonsoli scheint bei einer Band wie den tindersticks, deren Hang zur großen Dramatik sich nicht abstreiten lässt, dann doch berechtigt.

Songs wie „Show Me Everything“ und „The Fire Of Autumn“ zeigen jedoch auf, dass solche Befürchtungen unberechtigt schienen. Insbesondere das Basssaxophon bereichert den dichten Bandsound ungemein und unterstreicht die melancholische Atmosphäre der Songs auf eine etwas altertümliche Weise, die hervorragend in das musikalische Konzept der tindersticks passt. Während beim loungigen „Slippin' Shoes“ der Bläsereinsatz doch ein bisschen zu viel des Guten ist und auch bei ruhigeren Stücken wie „Medicine“ sich das Saxophon nicht perfekt einfügt, auch wenn es mit dem Cello erstaunlich gut harmoniert, gibt es dann auf „The Something Rain“ Stücke wie das überragende „Frozen“, das einen immer weiter in einen Strudel aus Verwirrung, Enttäuschung und finsteren Gedanken hineinzieht. In „If I Could Just Hold You“ kommt Stuart A. Staples' verhallte Stimme hervor und sie trägt so viel Schmerz in sich, dass man es kaum aushält. Das sind die Momente, für die man das mittlerweile neunte Tindersticks-Album einfach mögen muss und die vor allem aufzeigen, dass es mit dieser Band noch lange nicht vorbei ist. Während „Verlust“ eines der zentralen Themen von „The Something Rain“ darstellt, ist man selbst einfach nur froh, dass es diese Band noch gibt.

Kilian Braungart

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