Rezension

The Streets

Everything Is Borrowed


Highlights: The Strongest Person I Know // On The Flip Of The Coin // Heaven For The Weather
Genre: Cockney Rap // Inselfunk
Sounds Like: The Roots // Graig David

VÖ: 26.09.2008

Als Mike Skinner vor zwei Jahren sein drittes The Streets-Album "The Hardest Way To Make An Easy Living" auf den Markt schmiss, machte er sich damit nicht nur Freunde. Der Abstieg vom Indie-Hiphop in den Mainstream wurde ihm angelastet, auch das, vielleicht ironische, Shooting für das Albumcover, vor einem Oldtimer als Anlehnung an Hiphopper mit ihren fetten Kisten. Da wirken Titel und Aufmachung seiner neuen Platte fast wie eine Antwort. "Everything Is Borrowed" heißt es, mit einer Naturaufnahme bebildert. Zurück zur Natur, zurück zu den wesentlichen Dingen des Lebens. Oder wie Skinner gleich im Titeltrack feststellt: "I came to this world with nothing / And I leave with nothing but love / Everything else is just borrowed."

Diese Zeilen stehen für den einen Themenkomplex, Vergänglichkeit. In die gleiche Kerbe schlägt auch "The Way Of The Dodo", eben jenen Vögeln, die im Film Ice Age mit drei Melonen die Eiszeit überleben wollten und daran kläglich gescheitert sind. Auch wenn der reale und zeitliche Ablauf anders gewesen ist, der Dodo ist ausgestorben und ein ähnliches Schicksal wird früher oder später den Menschen drohen. Skinner hebt jedenfalls den Zeigefinger, nicht die Erde sei in Gefahr, sondern eben die Leute, die auf ihr leben. Erderwärmung? Ist ein Thema. Aber was soll der Mann machen, der Frau und Kind hat, aber kein Geld um sie zu ernähren? Sieht der Mensch nicht eher die Probleme, die er direkt vor Augen hat, als die, die ihm in ein paar Jahrzehnten blühen können? Oder anders gesagt, sind diese nicht erstmal wichtiger? Eigentlich ist das die Debatte des frühen 21. Jahrhunderts.

Ungeklärt ist für Skinner allerdings, wo er nach seinem Ableben, egal ob klimabedingt oder nicht, leben möchte. "I want to go to heaven for the weather / To hell for the company" singt der Chor fröhlich im gleichnamigen Gute-Laune-Song. Aber falls er sich für den Himmel entscheiden sollte, muss er erstmal zur Beichte. Schuld daran ist ein weiter religiöser Track, "Alleged Legends". Zumindest dürfte der Herr im Himmel wenig beglückt sein, dass ihn der kleine Mann aus England als "Bloke" bezeichnet und Gründe für ein atheistisches Leben aufzählt.

Der zweite Komplex behandelt, wie könnte es in der Musik anders sein, das Thema Liebe. Und wie gegensätzlich allein die Absichten sein können, beweisen "I Love You More (Than You Love Me)" und "Never Give In". Auf der einen Seite der Mann, der einer Frau hinterher rennt, weil er sie liebt, obwohl er weiß, dass diese Gefühle nicht erwidert werden. Auf der anderen Seite der Mann, der einer Frau hinterher rennt, nur um sie ins Bett zu bekommen. Das ist Wind auf die Mühlen der Frauen, die genau das Bild von uns Männern haben. Danke Mike, jetzt müssen wir das wieder ausbügeln.

Die größte Überraschung an "Everything Is Borrowed" ist aber die instrumentale Untermalung von Skinners Texten. Geigen, Harfen und Klavierspiel gesellen sich zu Gitarre, Bass und Schlagzeug. Und auch die Tatsache, dass in einigen Songs ein Chor den Refrain trägt macht einiges her. Inwieweit sich das auf den angekündigten Nachfolger "Computers and Blues", dem vermutlich letzten Album von The Streets, auswirken wird, scheint noch unklar. Aber so abwechslungsreich die bisherige Diskografie ist, kann man gespannt sein. Bis 2010 müssen wir uns aber noch gedulden. Oder länger. Skinner will sich Zeit lassen.

Martin Korbach

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