Rezension

The Decemberists

What A Terrible World, What A Beautiful World


Highlights: The Singer Addresses The Audience // Make You Better // Better Not Wake The Baby
Genre: Indie-Folk // Alt-Country
Sounds Like: Wilco // Yo La Tengo // Neutral Milk Hotel

VÖ: 16.01.2015

Colin Meloy ist ein Mann mit vielen Gesichtern. Ob er nun in Comedy-Serien wie „Parks & Recreation“ oder „The Simpsons“ Gastauftritte absolviert, gemeinsam mit seiner Frau Kinderbücher veröffentlicht oder in Jimmy Kimmels Late-Night-Show YouTube-Kommentare musikalisch in Szene setzt – der Decemberists-Frontmann ist zweifellos ein Tausendsassa, der für jeden Jux zu haben ist. So war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis sich seine lockere, lebenslustige Art auch in seiner Musik stärker bemerkbar machen würde.

War man von Meloy und Kollegen bislang hauptsächlich lyrisch ambitionierte Konzeptalben gewohnt, die einen in ausgefeilte narrative Welten eintauchen ließen, entpuppt sich das siebte Album der Decemberists schnell als deutlich weniger verkopft. Noch dazu dominiert auf „What A Terrible World, What A Beautiful World” eine derart entspannte, unbekümmerte Atmosphäre, dass man sich hin und wieder unwillkürlich fragt, woher eigentlich der erste Teil des Albumtitels rührt – insbesondere wenn frohlockende Trompeten (wie in „Cavalry Captain“) oder vergnügte Oooh-Aaah-Chöre (wie im Shoop-Shoop-Schunkler „Philomena“) den Ton angeben. Das nicht minder unbeschwerte „The Wrong Year“ würde mit Songzeilen wie “Could be that he’s into you, could be that the obverse is true” gar hervorragend auf den Soundtrack der nächsten großen Highschool-Rom-Com passen, während die waschechte Bluegrass-Nummer „Better Not Wake The Baby“ mit ihren aufputschenden Banjo- und Akkordeon-Klängen garantiert in so manch einem Deadwood-Saloon für schwingende Tanzbeine gesorgt hätte.

Dass nur noch in wenigen Songs („Till The Water’s All Gone“, „Carolina Low“) etwas von der nachdenklichen Melancholie zu spüren ist, die The Decemberists bislang so gerne versprüht haben, scheint kein Zufall, sondern vielmehr eine bewusste Entscheidung gewesen zu sein, heißt es doch in „Anti-Summersong“ ganz deutlich: „I’m not going on just to sing another singalong suicide song“. Davon wird sicherlich nicht jeder Decemberists-Fan begeistert sein, aber das war Meloy offenbar schon im Vorhinein klar. Jedenfalls tritt er im anmutig anschwellenden Opener „The Singer Adresses His Audience“ direkt die Flucht nach vorne an: „We know, we know we belong to ya. We know you threw your arms around us in the hopes we wouldn’t change, but we had to change some”. Und wer kann ihm schon den Wunsch nach Veränderung übelnehmen? Schließlich könnten wir doch alle ein bisschen mehr von der schönen Welt da draußen gebrauchen.

Paulina Banaszek

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