Rezension

The Decemberists

I'll Be Your Girl


Highlights: Cutting Stone // We All Die Young // Rusalka, Rusalka / The Wild Rushes
Genre: Folk
Sounds Like: The Head And The Heart // New Order // The Builders And The Butchers

VÖ: 16.03.2018

Wären Asterix-Analogien nicht so ausgelutscht, könnte man in etwa behaupten: Der komplette Folk wurde von fremden Einflüssen überrannt, nur die Decemberists wären das kleine, wehrhafte Dorf, das Dorf ist gefallen, und so weiter. Nur würde das weder den Decemberists noch „I'll Be Your Girl“ in irgendeiner Weise genüge tun.

Der Plan ist ja so nobel wie unverständlich: Aus der Komfortzone ausbrechen wollte das Quintett aus Portland mit seinem neuen Album, Studio und Produzenten wechseln, durchgängig kontra-intuitiv handeln. Nur verzweigten sich die scheinbar festgetretenen Pfade der Decemberists schon immer in alle Richtungen, vom Prog-Rock von „The Hazards Of Love“ bis zum Country des darauf folgenden „The King Is Dead“ zum Beispiel. Gerade zum Ende wirkt „I'll Be Your Girl“ dann auch wie ein Mikrokosmos der bisherigen Bandkarriere, wenn der wunderschöne, reduzierte Akustikgitarren-Folk des abschließenden Titeltracks „Rusalka, Rusalka / The Wild Rushes“ ablöst, das seine zähe Dunkelheit nach und nach mit dem grellen Neon des Classic Rock aufhellt.

Einen wirklichen Hechtsprung heraus aus besagter Komfortzone machen die Decemberists allerdings, wenn sich Songs wie „Once In Your Life“ rücklings in ein Bett aus Synthesizern fallen lassen und, wie im Falle der heimlichen New-Order-B-Seite „Severed“, mit ihrem ganzen Wesen darin einsinken. Auch das zunächst noch wunderbar zerbrechliche „Cutting Stone“ verschanzt sich nur allzu bald hinter einer Wand aus elektronischen Spielereien; der rumpelige Wüsten-Ritt „Your Ghost“ wiederum zerschießt sich seine Wildwest-Atmosphäre durch schrillen Falsett-Hintergrundgesang.

Wer trotz all dieser vermeintlichen Stilbrüche Gefallen an „I'll Be Your Girl“ finden will, muss nichts weiter tun, als sein eigenes Rezeptionsverhalten umzukrempeln: Das achte Album der Decemberists mag ihr erstes sein, das nicht nur für das stille Kämmerlein, sondern hin und wieder für die Tanzfläche oder (wie bei „We All Die Young“) für das Mardi-Gras-Fest auf der Bourbon Street gedacht ist. Manchmal gehören dann eben auch die wehrsamsten gallischen Dörfer hin und wieder einmal überrannt.

Jan Martens

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