Rezension

Steven Wilson

To The Bone


Highlights: Song Of I // Detonation
Genre: Progressive Pop
Sounds Like: Porcupine Tree // Genesis // Peter Gabriel // Pink Floyd

VÖ: 18.08.2017

So ziemlich jedes Genre muss, beziehungsweise darf mit einigen Klischees über ihre Hörer klarkommen. Progressive Rock hat es dabei besonders schwer. Fernab der Musik gilt es ja oft: Über 50, dazu eine Musikanlage mit fünfstelligem Wert für den einzig wahren Klang und das detailverliebte Hören alter bis neuer Platten, deren Stücke eine ganze LP-Seite füllen. Wo wir nun auch bei Steven Wilson wären. Der ist im Bereich des Progressive Rock eine absolute Instanz, mittlerweile 50 und ein detailverliebter Narr mit Hang zum opulenten, beziehungsweise perfektem Sound. Nicht umsonst erschienen schon einige der Porcupine-Tree-Alben als Sondermix im 5.1 Audioformat. Da Porcupine Tree seit einigen Jahren ruhen, erscheinen seine Releases unter eigenem Namen, soundtechnisch verändert hatte sich bislang wenig. Jüngste Veröffentlichungen wie „4 ½“ schlugen sogar einen Bogen zu der Porcupine-Tree-Zeit, indem dort ein bekanntes Stück neu aufgenommen wurde.

Nach „4 1/2“ nun also 5, oder auch „To The Bone“, wie sein neuestes Album heißt und selbstredend auch wieder mit perfektem Studiosound aufwarten kann. Schon die Ankündigung ließ aufhorchen. Wilson, der sowieso nur macht, was ihm persönlich gefällt, habe ein Popalbum aufgenommen. „Moment mal?!“, mag da der wissende Fan denken: Ausgerechnet Wilson, der kein gutes Haar an Musikindustrie, gängigem Massenkonsum und dessen Auswüchsen lässt, veröffentlicht ein populärmusikalisches Album? Nun, natürlich wird „To The Bone“ eher den Weg ins Spartenprogramm ausgesuchter Sender schaffen als in die ganz großen Stationen, falsch ist die Beschreibung jedoch nicht. „To The Bone“ ist die Steven-Wilson-Adaption des Pop-Begriffes. Er entschlackt den Porcupine-Tree-Sound nochmals um schwere Riffs und komplexe Songs (bis auf wenige durchscheinende Momente) und greift seine Popvorbilder auf. Diese sind wie üblich in den 1960er- und 70er-Jahren zu finden und reichen von Abba (!) in „Permanating“ bis zum eingängigem Rock der Marken Free, Genesis oder Supertramp.

Allein: Besonders spannend ist „To The Bone“ nicht. Ohne die Komplexität geht den Stücken die Spannung ab. Statt Auf- und Abbau von Soundlandschaften hängen viele der neuen Stücke im Nirgendwo zwischen Ballade und Rockoper auf dem Bremshebel fest. Wenn er diesen mal löst, wie im langen „Detonation“, wird es gut. Ebenso, wenn ein Stück völlig überrascht. „Song Of I“ ist das beste Beispiel dazu. Zur düsteren Grundstimmung hat sich Wilson Gastsängerin Sophie Hunger eingeladen – ein absolutes Highlight, welches die gesamte Platte überragt. „Pariah“ hingegen, bei dem abermals Ninet Tayeb singen darf, wirkt zu verkopft und Tayebs typischer Progressive-Rock-Gesang überzeugt nicht ganz, da hier der Überraschungsmoment fehlt. Insgesamt ist „To The Bone“ kein Komplettausfall, wird aber in der Steven-Wilson-Diskografie eher zwischen den mittelmäßigen Platten verstauben. Dafür ist dem Mastermind einfach zu wenig eingefallen, als nur seinen üblichen Sound weiter zu reduzieren und die Strukturen zu glätten. Als Reaktion auf die Selbstgefälligkeit des 1970er Progressive-Rock entstand der Punk – "To The Bone" ist leider eines dieser Alben, das zeigt, warum.

Klaus Porst

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"Song Of I"
"Permanating"

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