Rezension
Slow Six
Tomorrow Becomes You
Highlights: The Night You Left New York // These Rivers Between Us
Genre: Postrock // Ambient // Experimental
Sounds Like: Balmorhea // Peter Broderick & Machinefabriek // Efterklang // Explosions In The Sky // Godspeed You! Black Emperor // Spokes // Steve Reich
VÖ: 19.02.2010
Häufig ist beim Postrock die Rede von selbst auferlegten Regeln, die das Genre in seinen Ausdrucksmöglichkeiten einschränken. Dass ein kleiner Blick über den Tellerrand die Kreativität ungemein anregen kann, hat das New Yorker Trio Slow Six schon längst erkannt. Seit über zehn Jahren bewegen sie sich zwischen Postrock, Ambient und moderner klassischer Musik. Wie gut das funktionieren kann, zeigen sie auf ihrem dritten Album „Tomorrow Becomes You“, das trotz der Vielfalt seiner Einflüsse als Ganzes so hervorragend funktioniert, dass man sich seiner Magie nicht entziehen kann.
Zusammengehalten wird das ambitionierte Werk durch das erste und letzte Stück, die den Raum definieren, in dem sich der musikalische Kosmos von Slow Six entfaltet. Mit kühlen elektronischen Tupfern beginnt sachte „The Night You Left New York“, breitet mit ruhigen Bewegungen die Decke aus, auf der es sich die E-Gitarre bequem macht und die Violine willkommen heißt, die sich mit Flageolett-Tönen aus der Ferne nähert. Diese Ouvertüre unterbricht schlagartig das nervös klickende Schlagzeug, dessen hypnotisierendem Rhythmus sich behände zwei Violinen anschließen, die sich so souverän umspielen, dass sie zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen. Mit Gitarre und Schlagzeug entsteht ein Strudel, der alles mit sich zieht und man weiß, dass die Katastrophe nicht lange auf sich warten lassen wird. Eine einzelne Violine schafft es aber, die anderen Instrumente von der strahlenden Schönheit ihrer Melodie zu überzeugen, so dass sich schließlich doch alles zum Guten wendet.
Der Glanz des vorhergehenden Finales lässt einen bereitwillig die Dissonanzen ertragen, in die der erste Teil von „Cloud Cover“ hinabsinkt, bevor im zweiten Teil Christopher Tignors Samples die Tanzfläche für eine in sich gekehrte Violine bieten. Das zentrale „Because Together We Resonate“ setzt konsequent die Richtung des vorhergehenden Stückes fort, trennt sich komplett von jeglicher rhythmischer Restriktion und zieht einen immer weiter mit sich in die faszinierenden Klangwelten von Slow Six. „Sympathetic Response System“ widmet sich wieder vermehrt elektronischen Spielereien, deren kalte Konstruiertheit schon bald einer pulsierenden Wärme weicht. Die Violine ist wieder einmal das Instrument, das die entscheidende Rolle übernimmt, mit einer ergreifenden Melodie in den zweiten Teil überzuleiten, in dem zunächst alles etwas verloren umherzuschweben scheint, bevor das Schlagzeug den Weg zum erlösenden Finale aufzeigt.
Nachdem man im Laufe des Albums nun schon so viel erlebt hat, steht mit dem knapp zehnminütigen „These Rivers Between Us“ das letzte große Stück bevor, das ein weiteres Mal aufzeigt, wie geschickt Slow Six es schaffen, Stimmungen zu erzeugen. Kühle, klar definierte Orgeltöne geben das Thema vor, eine klagende Violine stimmt ein, Gitarre und Schlagzeug treiben sich gegenseitig an. Nach einem ersten Aufschrei umtänzeln die beiden Violinen mit ihren Pizzicati auf der Basis eines vertrackten 9/4-Rhythmus einander geschickt, greifen ein letztes Mal das erste Motiv auf, um dann nach versöhnlichen Dur-Harmonien zu streben, denen sich die Orgel bereitwillig anschließt. Eifrig platzen die beiden Violinen mit ihren schönsten Melodien hervor, die sie sich selbstbeherrscht für den fantastischen Abschluss des Albums aufgehoben haben.
„Tomorrow Becomes You“ bietet nicht nur musikalisch so viel zu entdecken, dass man sich kaum satt hören kann an diesem Album, es zeichnet Bilder, erzählt Geschichten und erschafft Welten, in die man sich nur allzu gerne geleiten lässt. Slow Six bieten auf ihrem dritten Album Kopfkino vom Feinsten, da sie bei all der technischen Perfektion, mit der sie ihre Stücke entwerfen, nicht vergessen, dass Musik so viel mehr ist als nur Töne und Rhythmen.
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