Rezension

Slow Pulp

Moveys


Highlights: Falling Apart // Channel 2 // Montana // Idaho // At It Again
Genre: Shoegazing // Dream-Pop // Alternative Rock
Sounds Like: Slowdive // Warpaint // Sonic Youth // Big Thief

VÖ: 09.10.2020

Die 90er-Jahre werden oft als Inbegriff von Trash dargestellt und doch darf die Gegenposition eingenommen werden, dass es im Alternative-Rock, Shoegazing, Grunge, Britpop und so weiter eine bahnbrechende Musikepoche war. In der Modewelt scheint das Jahrzehnt ein Revival zu feiern, von Baggy-Hosen über Anglerhüte bis Bauchfrei-Tops zum Schlabberlook. Da die 90er-Jahre-Helden Thurston Moore von Sonic Youth und Bob Mould von Hüsker Dü mit ihren neuen Werken aktuell an die vergangene Zeit erinnern und auch Slowdive Hinweise auf ein neues Album geben, scheint der Retro-Stil auch in der gehobenen Popkultur angekommen zu sein. Man muss aber nicht immer die gleichen Dinge aufwärmen, um für eine tolle Portion Nostalgie zu sorgen, denn die junge Band Slow Pulp recycelt wunderbar die Elemente der 90er-Jahre und schafft trotzdem einen eigenständigen Sound, der auch heute funktioniert.

Auf ihrem Debütalbum „Moveys“ bewegt sich die Band, die ihre Ursprünge in Madison, Wisconsin, hat, zwischen Dream-Pop, Shoegazing und Alternative Rock. Die Umsetzung ist hervorragend, eingängig, komplex, aber nicht verkopft und wunderbar abwechslungsreich. Während der Gitarrensound von Emily Masseys Gesang begleitet wird, übernimmt beim Alternative-Rock-Hit „Channel 2“ in der Mitte des Albums Bassist Alexander Leeds die Vocals und sorgt neben einem belebenden Element für einen wahnsinnig starken Titel. Nach einem schönen, rauen Piano-Instrumental (erinnert stilistisch etwas an das Intro von Replacements „Androgynous“) darf Massey wieder übernehmen und unterstreicht mit dem tollen „Falling Aparts“, dass sie zurecht den Hauptgesang beisteuert. Neben der tollen Konzeption der Platte stehen jedoch auch die Hits und Singles für sich und sorgen dafür, dass es sicher eines der spannendsten Debütalben des Jahres ist.

Der Titel der Platte „Moveys“ ist ein Neologismus, der sich auf die Entstehungsgeschichte der Songs, Rastlosigkeit und Veränderung der Band bezieht. Nach der EP 2019 gingen Slow Pulp auf Tour und schrieb die Tracks unterwegs, während sie immer wieder „umzogen“. Das führte soweit, dass die Band teilweise nicht mehr wusste, wo sie waren und auf der Bühne in Idaho von Colorado sprachen. Entstanden aus diesem Versehen ist hieraus selbstironisch die tolle Single „Idaho“. Die Tour und das Miteinander als Band endeten durch die Pandemie und das Album musste unkonventionell beendet werden. „At It Again“ wurde als letzter Song in Isolation aufgenommen und erinnert Sängerin Massey an eine Zeit, bevor sie selbst mit unterschiedlichen Krankheiten zu kämpfen hatte und noch frei und unbeschwert war.

Die Platte ist ein perfekter Einstieg in die kalte und dunkle Jahreszeit mit einer kleinen Zeitreise in die 90er-Jahre und ein tolles Revival dieser wunderbaren Musikepoche. Nicht in die Welt von Mr. President und Blümchen, sondern in die 90er-Jahre der Alternativgrößen wie Slowdive und Sonic Youth. Auch jetzt ist es ein zeitgemäßer Sound eines starken Albums, welches vermutlich auf einigen Bestenlisten 2020 stehen wird und das völlig zurecht. So lassen sich auch die Revivals modischer Sünden ertragen und Buffalos und Schlaghosen können wiederkommen, wenn dazu weiter solche Platten entstehen.

Marian Krüger

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Slow Pulp - Falling Apart (Official Video)
Slow Pulp - At It Again (Official Video)
Slow Pulp - Idaho (Official Audio)

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