Rezension

Sir Was

Digging A Tunnel


Highlights: In The Midst // Digging A Tunnel // Interconnected
Genre: Soul // R'n'B // Hip Hop
Sounds Like: How To Dress Well // Gold Panda // J Dilla

VÖ: 10.03.2017

Dass der Schwede Joel Wästberg als sir Was mal bei Jose Gonzales mitgespielt hat, merkt man beim Anhören dieses Debütalbums mal so gar nicht. Mit dem intimen, dunklen Singer-Songwriter-Pop hat Wästberg, der hier gleichzeitig als Producer, Sänger und Ein-Mann-Alleseinspiel-Orchester auftritt, nicht viel am Hut. Eigentlich überraschend, da er sonst von Soul über modernen R'n'B bis hin zu sphärischeren Psych-Rock-Anleihen in unzähligen Musikgenres herumstreift und die zusammengeklaubten Einzelteile neu verlötet.

Besonders mit dem Opener „In The Midst“ positioniert sich sir Was in der Riege der momentan angesagten verpeilten Neo-Soul-R'n'B-Musik und bleibt dann doch verschrobener, sperriger und eignet sich damit eher für die ernüchternde Heimfahrt als für die große Sause. Dabei muss der Hörer allerdings schnell einsehen, dass mit diesem Einstieg gleichzeitig ein erster, nur noch schwer zu erreichender Höhepunkt abgefeuert wurde. „A Minor Life“ oder „Revoke“ werden dann gleich viel konventioneller. Insgesamt funktioniert das Album dann am besten, wenn Wästberg die Stubenhocker-Hip-Hop-Einflüsse im Sinne von J Dilla beibehält, wie es zum Beispiel im Titelsong „Digging A Tunnel“ der Fall ist. Die elegischeren Klänge wirken hingegen oft wie Einbrüche in einem Album, welchem man eine Grundträgheit schon nicht absprechen kann – wobei „Heaven Is Here“ durch den Rückgriff auf traditionellere Post-Rock-Klangteppiche dann doch wieder eine gewisse entrückte Schönheit besitzt. Das Kirchenglocken erklingen lassende „Interconnected“ droht immer wieder, über seine holprigen Drums zu stolpern und schafft es gerade aufgrund dieser Fragilität, den Zuhörer zu binden. „Leave it Here“ oder „Sunsets Sunrises“ sind hingegen wieder nur stilistische Fingerübungen, die sicher mit besten Absichten komponiert worden sind, doch weder einen konkreten Plan verfolgen noch irgendwo beim Hörer ankommen.

„Digging A Tunnel“ schlurft über sämtliche Hochzeiten und findet schlussendlich dann doch keinen wirklichen Tanzpartner. Zu unfokussiert wirkt das, was Joel Wästberg hier über weite Strecken auf den Zuhörer rieseln lässt. Dieses Debüt klingt wie eine stilistische Orientierung und ein Baden in Möglichkeiten. Dass vieles funktioniert, verdeutlichen die hervorragenden Highlights. Nun gilt es für den Nachfolger, diese Stärken konsequent zu verfolgen und auszubauen.

Yves Weber

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