Rezension

Show Me The Body

Dog Whistle


Highlights: Not For Love // Madonna Rocket // USA Lullaby
Genre: Hardcore // Sludge // Rap
Sounds Like: Death Grips // Fugazi // the i.l.y's

VÖ: 29.03.2019

Ein Basslauf, der einen umtänzelt, als suche er nur die richtige Position, um zuzuschlagen. Dazu ein gezupftes Instrument, das einem das letzte Geleit spielt. Es wird einer der wenigen ruhigen Momente auf dieser Scheibe bleiben, denn dann bricht in „Camp Orchestra“ schon das Gewitter los. Die Band fackelt nicht lange und macht einfach da weiter, wo sie mit „Body War“, ihrem Debüt, aufgehört hat. Zweites Album? Klang nie so einfach und unkompliziert wie hier.

Irgendwo zwischen Hardcore, Sludge, Noise und Hip-Hop rühren Sänger und Banjo-Spieler Julian Cashwan Pratt, Bassist Harlan Steed und Drummer Noah Cohen-Corbett wieder diese ganz spezielle und relativ einzigartige Mischung an, die dir direkt in die Magengrube kickt. Unvorstellbar, wie man ein Konzert dieser Band überlebt, das länger als dreißig Minuten geht. Doch neben dieser reinen Körperlichkeit werden erneut wieder eine Reihe sehr guter Songs abgeliefert. „USA Lullaby“ ist so eine dieser (Hardcore-) Hymnen für die Ewigkeit. Bereits in „Not For Love“, dem zweiten Song der Platte, klingt Julian Pratt, als sei er vollkommen am Ende. Auch „Drought“ oder „Madonna Rocket“ machen keine Kompromisse und gewähren keine Verschnaufpausen.

Show Me The Body bezeichnen sich nicht als politische Band, obwohl es ausreichend Indizien dafür gäbe und die Gruppe in ihrer Musik schwere Inhalte behandelt, wie im Opener „Camp Orchestra“, der von internierten Juden in Lagern der Nazis handelt, die zum Musizieren gezwungen wurden. Pratt drückt es so aus: “A lot of people have their own interpretations on what ‘political’ means. I don’t consider us political. I also don’t consider beating up Nazis political. I also don’t consider not standing for racism, sexism, or homophobia political. Those are my friends, so I stick up for those people. That’s not political at all – that’s human fucking nature.”

Human fucking nature also. Ihre Attitüde scheint so unkompliziert und intuitiv wie ihre Musik. Da sich die Band als von ihrer Stadt New York und dem Nachtleben, das sie leben und lieben, geprägt bezeichnet und daher eine ganz besondere Beziehung zu den Außenseitern der Gesellschaft pflegt, dachten sie und ihr Labelkollektiv Corpus sich ein Symbol der Solidarität aus: einen Sarg. Um die guten Humans sofort zu erkennen quasi. Denn wer ihr ihn trägt, zeigt damit, dass er auf der „richtigen“ Seite steht. Womit wir beim sogenannten Dog Whistle wären, einem geheimen Erkennungszeichen, das nur Eingeweihte verstehen, ähnlich dem durch zwei ineinander verkippte Halbkreise symbolisierten Fisch, mit dem sich im alten Rom Christen als solche outeten. Das Album „Dog Whistle“ funktioniert im Hier und Jetzt auch ganz ohne Dechiffrierung. Auf dem Cover hinterließen die drei Musiker - natürlich trotzdem - drei Särge.

Jonatan Biskamp

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Video zu "USA Lullaby"
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Video zu "Camp Orchestra"

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