Rezension
Ryan Bingham & The Dead Horses
Junky Star
Highlights: The Poet // Strange Feelin' In The Air // Junky Star // Depression // Hallelujah
Genre: Alt-Country // Folk // Blues
Sounds Like: Justin Townes Earle // John Mellencamp // Jamey Johnson // Josh Ritter // Johnny Cash // Hank Williams
VÖ: 07.09.2010
Manchmal braucht es nicht viel, um das ganze Leben auf den Kopf zu stellen. Für Ryan Bingham war es ein einziger Song. „The Weary Kind“, der Titelsong des sich um einen abgehalfterten Countrymusiker drehenden Dramas „Crazy Heart“, bescherte ihm den Oscar und schenkte ihm die Aufmerksamkeit, die er schon längst verdient gehabt hätte. Auch in einer kleinen Nebenrolle ist der 29jährige Songwriter zu sehen, wie er mit seiner Band den von Jeff Bridges verkörperten Protagonisten „Bad Blake“ bei einem Konzert auf einer Bowlingbahn begleitet. Sein Song ist jedoch der heimliche Hauptdarsteller des Films.
Das im September diesen Jahres erschienene Album „Junky Star“ profitierte freilich vom großen Erfolg und dem öffentlichen Interesse, die seine Beteiligung an „Crazy Heart“ mit sich brachten. Mag die im Film erzählte Geschichte zuweilen etwas klischeebehaftet und aufgesetzt wirken, so ist Binghams eigene Geschichte umso bewegender. Mit seinen immer wieder vor Mietsschulden fliehenden Eltern hatte er alles andere als eine geregelte Kindheit und schlug sich schon als Teenager alleine durch. Er lebte eine Weile bei seinem Onkel, der eine Bar besaß und verdiente sich bald sein Geld als Rodeoreiter. Natürlich war es die Musik, die ihm Halt gab bei all der Unsicherheit, die sein Leben zu dieser Zeit ausmachte. Neben Country und Folk wurde er auch durch die Mariachi-Musik beeinflusst, mit der er durch sein Leben nahe der mexikanischen Grenze in Kontakt kam.
Bingham zeigt sich in seinen Texten nicht altklug, wenn er von den Widrigkeiten des Lebens singt, er selbst kennt sie viel zu gut, als dass er hier stilisieren oder dramatisieren müsste. Im Gegensatz zu seinen ersten Alben räumt er auf „Junky Star“ den ruhigeren Songs einen größeren Stellenwert ein, ohne jedoch auf die staubigen Alt-Country-Songs mit wilden E-Gitarren, Schlagzeug und kratziger Slide-Gitarre zu verzichten. Bingham weiß genau, dass er sich das mit seiner Stimme erlauben kann, mit der er dem Hörer reduzierte Folksongs nahebringen, jedoch auch ohne Probleme dem üppigen Sound seiner Band standhalten kann. Man muss im Grunde nur die ersten Takte des Openers „The Poet“ hören, um sich ein Bild von Ryan Binghams Musik zu machen. Mit harten Gitarrenpickings und einer die Luft zerschneidenden Mundharmonika erzeugt Bingham eine so dichte Atmosphäre, dass man alles um sich vergisst, bis diese Stimme einsetzt, bei der man nie auf die Idee kommen würde, dass sie diesem eher schmächtigen jungen Songwriter gehört. Sie trägt so viel Schmerz, so viel Kraft und so viel Leidenschaft in sich, dass man sich ihr unmöglich entziehen kann.
Ryan Binghams Stimme ist es, die einen durch dieses Album breit angelegter Country-, Bluesrock- und Folksongs führt, die alle mit der Zeit ihre Stärken offenbaren. So abwechslungsreich, wie „Junky Star“ ist, verwundert es nicht, dass die persönlichen Lieblingssongs ständig wechseln. Mal ist es das ungestüme, Staub aufwirbelnde „Strange Feeling In The Air“ oder das in klassischer Country-Manier davontrabende „Direction Of The Wind“, mal das unglaublich intensive „Hallelujah“ oder das in sich gekehrte „Lay My Head On The Rail“ – Binghams drittes Album entwickelt sich über die Zeit zu einem treuen Begleiter mit dem richtigen Soundtrack für alle Lebenslagen. Mit „Junky Star“ untermauert Bingham seine Position als einer der besten und kreativsten Musiker seines Genres. Der Bodenständigkeit und Aufrichtigkeit von Binghams Musik kann nicht einmal ein Oscar etwas anhaben.
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