Rezension

Primal Scream

Chaosmosis


Highlights: (Feeling Like A) Demon Again // When The Light Gets In // Autumn in Paradise
Genre: Indie // Electro // Dance
Sounds Like: New Order // Happy Mondays // The Charlatans

VÖ: 18.03.2016

Die Wahrscheinlichkeit, dass „Chaosmosis“ ein Meisterwerk ist, ist nach dem Primal Scream'schen Arbeitsrhythmus bereits vor dem Anhören gering. Schließlich bringen die Schotten, die seit 1984 existieren, nur alle zehn Jahre ein bahnbrechendes Album heraus. Das war 1991 „Screamadelica“, welches durch das Verquirlen von Rock und Dance die englische Ravekultur lostrat, 2000 „XTRMNTR“, das völlig kaputten Electropunk ballerte, und mit Abstrichen auch das 2013 erschienene „More Light“, welches kaleidoskopartig sämtliche Einflüsse der Band kanalisierte und in fast 70 Minuten packte.

„Chaosmosis“ ist bereits das elfte Album der Band aus Glasgow. Sämtliche Primal-Scream-Alben besitzen entweder primär einen rock- oder dancebeeinflussten Sound. Dabei sind generell die elektronischen die spannenderen, schließlich orientieren sich die klassischeren Rockalben primär an der Musik der Sechziger und lassen so weniger Raum für Innovation. „Chaosmosis“ ist das wohl elektronischste Primal Scream-Album seit „XTRMNTR“ und ist doch komplett anders. Experimentierte „XTRMNTR“ mit Produktionstechniken und lotete gerade soundtechnisch die Grenzen des gerade noch Zumutbaren aus, ist „Chaosmosis“ eine höchst konventionelle, gar biedere Angelegenheit.

Das beginnt bereits mit der Länge des Albums: 10 Lieder über 35 Minuten ist schon mal recht ungewöhnlich für eine Band, die keine Angst davor hat, sich in Endlosschleifen zu verlieren. Auch der Sound orientiert sich an dieser neuentdeckten Kompaktheit. Beim ersten Anhören ist „Chaosmosis“ fast bieder in seiner Radiotauglichkeit und klingt eher nach den New Order der Achtziger als nach Primal Scream. Bereits der Opener „Trippin' On Your Love“ blickt mit weit geöffneten Pupillen zurück in das Manchester der Ravekultur und wirkt völlig aus der Zeit gefallen. Auch „Carnival Of Fools“ ist aufgrund seiner quietschend aufdringlichen Keyboardmelodie regelrecht nervig. Trotzdem gibt es auch auf „Chaosmosis“ Licht. Dazu gehören das bedrückende „(Feeling Like A) Demon Again“, welches dunklen Elektropop aufspielen lässt, das schillernde „Where The Light Gets In“ mit Sky Ferreira oder „Golden Rope“, das sich dann doch in abenteuerlichere und lärmigere Gefilde wagt. Besonders der Schlusssong „Autumn In Paradise“, bei dem Bobby Gillespie sogar wie Brian Sumner klingt, zeigt, dass Primal Scream in einem engen Rahmen hervorragend funktionieren können.

Trotzdem bleibt „Chaosmosis“ irgendwie zu brav und konventionell, um wirklich zu begeistern. Zeichneten sich Primal Scream bisher durch das Überbrücken von Genregrenzen aus, so zwängt sich das neue Album in ein enges Korsett. Darunter leiden die Entfaltungsmöglichkeiten der Lieder. Sicher, „Chaosmosis“ enthält einige Hits, allerdings klingen diese zu gewöhnlich, um einer Band, die stets ihrer Zeit voraus war, gerecht zu werden.

Yves Weber

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