Rezension

Philip Selway

Let Me Go


Highlights: Let me Go // Helgas Theme
Genre: Filmmusik // Soundtrack
Sounds Like: Keaton Henson // Max Richter

VÖ: 27.10.2017

Wir können es doch bitte alle endlich mal gut sein lassen: Der zweite Weltkrieg ist ja nun auch schon bald 70 Jahre her und die neuen Generationen sehen sich nicht mehr in der Verantwortung der ewigen TäterInnen. AFD, Pegida und NPD sind da nur die Spitze des Eisbergs, die lautstark den Willen zu einer neuen Erinnerungskultur äußert.

Nur sind der Wille auf das Hintersichlassen der eigenen Vergangenheit und das Recht darauf zwei sehr unterschiedliche Dinge. Wann ist denn die Relevanz einer Generation von Menschen, die in KZs ermordet worden sind, erloschen? Spätestens Zeugnisse, Geschichten und Schicksale von TäterInnen und Opfern der Nazi-Zeit setzen neue Impulse bei der Frage nach der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und lassen einen immer wieder einsehen: Wir brauchen die Konfrontation mit den Verbrechen, mit den Greueltaten und der Unmenschlichkeit unserer VorgängerInnen und wir müssen immer noch damit umgehen, dass wir die Erben dieser Schuld sind.

„Let Me Go“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Buches. Erzählt wird die sehr persönliche Geschichte Helga Schneiders, deren Mutter ihren Mann und die zwei kleinen Kinder verlässt, um im KZ Auschwitz als Aufseherin zu arbeiten. All das erfährt Helga Schneider jedoch erst viel später, als Erwachsene, als sie Kontakt zur Mutter sucht. Schneider findet eine alte Frau, die immer noch stolz auf ihre Taten ist. Der Film setzt bei Schneider und ihrer eigenen Tochter an und thematisiert die Nachwirkungen, die eine solche Familienschuld ihren Betroffenen aufbürdet.

So – das war mal ein langer Anlauf für die neue Platte von Philipp Selway, allerdings auch nötig. Der Drummer von Radiohead nämlich schafft mit seinen Kompositionen zwar Atmosphäre, die zum Film passt, die darüber hinaus aber wenig Eigenständigkeit besitzt. Mit Streichern, Piano und singender Säge strickt Selway eine schwere Stimmung, die Gefühlswelten aus Einsamkeit, Verzweiflung und Verständnislosigkeit vertonen. Das gelingt dem Musiker auch bestens, etwa wenn er in „Helgas Theme“ mit behutsamer Melodie die Protagonistin porträtiert oder in „Mutti“ eine gefährliche Vertrautheit schafft. Die vorwiegend instrumentalen Stücke sind dabei jedoch nicht mehr als Begleitung und lose Enden, die eben ihre Filmbilder brauchen.

Lediglich das von Selway eingesungene Titelstück erinnert an die Vorgängeralben Selways und überzeugt. Hier erzählt er vom Piano begleitet seine eigene Geschichte von Verlust, Lügen und Sehnsucht – und nicht zuletzt dem Wunsch danach, endlich loszulassen. Hier schließt sich wiederum der Kreis zu Helga Schneider, ihrer Geschichte und letztendlich auch der Geschichte vieler deutscher Familien. Die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte und der Geschichte ihrer Familie befähigt Schneider letztendlich dazu, ihre Mutter, die sie nie wollte, die ihr ein lebenslanges Trauma bescherte, gehen zu lassen – ohne dabei zu vergessen oder für die eigene Mutter reuen zu müssen.

Silvia Silko

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"Let Me Go" von Philip Selway

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