Rezension

NoFX

Coaster


Highlights: My Orphan Year // Creeping Out Sara // I Am An Alcoholic
Genre: Skatepunk
Sounds Like: Lagwagon // Bouncing Souls // Me First And The Gimme Gimmes

VÖ: 24.04.2009

Wer kennt noch die alten Rollenspielbücher, in denen man sich durch die Story navigierte, indem man nach jeder getroffenen Entscheidung auf eine bestimmte Seite weiterblättern musste? Beispiel: "Du triffst einen Drachen. Was machst du? Ihn mit dem Schwert angreifen (Seite 26) // Wegrennen (S. 65)". Auf Seite 26 stünde dann so etwas wie "Vollidiot! Du bist tot, geh zurück zu Seite 1", auf Seite 65 "Gute Idee, du kommst mit dem Leben davon."

Eigentlich merkwürdig, dass eine solche Textanordnung noch nie genutzt wurde, um beispielsweise in der heutigen stressgeplagten Zeit, in der jede Sekunde zählt, den Leser schnell zu Textstellen zu dirigieren, die für ihn von Belang sind. Das könnte man sich dann so vorstellen: Wer am neuen, mittlerweile zwölften NoFX-Album "Coaster" interessiert ist, wird zunächst an Position 1 gefragt, ob er bereits in etwa mit dem Musikstil der Band vertraut sei. Wer mit "Nein" antwortet, wird an Position 2 höflich gebeten, über eine mögliche Wohnortverlegung an einen Platz nachzudenken, der nicht mehr mit "Hinter'm Mond" gleichgesetzt werden kann und sofort zu Position 6 weitergeleitet. Wer die Band hingegen kennt, wird an Position 3 gefragt, ob ihm Album 1-11 gefielen - "Nein" führt an Position 4 zum Rat, aufgrund nur marginaler Veränderungen im Sound auch von "Coaster" die Finger zu lassen, der mit "Ja" Antwortende wird wiederum an Position 5 schnurstracks in den nächsten Plattenladen geschickt. Bei Entscheidungsschwierigkeiten wird an Position 7 mittels einiger Worte über die Besonderheiten der aktuellen Scheibe weitergeholfen.

Position 6 würde jetzt dem Unerfahrenen den Stil von NoFX und damit auch den von "Coaster" schildern. Vonnöten wäre in diesem Fall ein Verweis auf den typischen Fat-Wreck-Sound: Songs mit mehr als drei Akkorden sind selbstherrliches Musikhochschüler-Gewichse, alles, was über drei Minuten hinausgeht, ist zähflüssiger Progrock und das typische Schema "Mit kurzem Bass- oder Gitarrenintro beginnen, dann mit dem Schlagzeug und dem jeweils anderen Saiteninstrument losbrezeln" wird auch auf "Coaster" nie langweilig. Auf der textlichen Ebene darf nach Belieben zwischen pubertären Thematiken und Religions- und Politikkritik hin- und hergewechselt werden und zur musikalischen Abwechslung kann man auch hin und wieder ein Reggaestück (Hier: "Best God In Show") einstreuen. Abschließend wird dann in dem Fall, dass man Funpunk und sommerlicher Spaßmusik im Allgemeinen etwas abgewinnen kann, eine Kaufempfehlung ausgesprochen, bei Interesse an einem überdurchschnittlichen Maß an musikalischer Abwechslung und Virtuosität jedoch von weitergehender Beschäftigung mit NoFX abgeraten.

An Position 7 zu thematisierende Besonderheiten wären nun zum Beispiel der Fakt, dass in "My Orphan Year" Frontmann Fat Mike wohl zum ersten Mal persönliche Themen anschneidet und über seine Kindheit und die Beziehung zu seinen Eltern singt, oder dass "I Am An Alcoholic" der großen Mix-CD der drogenverherrlichenden Party-Songs ein weiteres kleines Highlight hinzufügt. Auch die hübsche Metal-Gitarren-Solo-Parodie in "Eddie, Bruce And Paul" könnte erwähnt werden, bei Veröffentlichung über ein deutsches Medium wie helga-rockt wäre sicher auch von Interesse, dass der Text von "Creeping Out Sara" immerhin auf einer Begebenheit basiert, die sich auf dem norddeutschen Hurricane Festival zutrug: Fat Mike trifft Sara - eine Hälfte des kanadischen Indiepop-Duos Tegan And Sara - backstage und verstört sie dadurch, dass er sie erst einmal mit lesbischen Dreiern und seiner drängenden Suche nach Kokain zutextet.

Zack - nur ein paar Links zwischen den Positionen gesetzt, und schon wäre jeder Leser aufs Beste individuell versorgt. So könnte eine Rezension zu "Coaster" ungefähr aussehen. Man könnte aber auch einfach schreiben "NoFX liefern mit 'Coaster' eine für Bandverhältnisse solide Platte ab, die Fans nicht enttäuschen, jedoch auch kaum neue hinzugewinnen wird." Aber das wäre auch irgendwie zu langweilig, oder?

Jan Martens

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