Rezension

Nine Inch Nails

The Slip


Highlights: The Four Of Us Are Dying // Head Down // Demon Seed
Genre: Elektro-Rock
Sounds Like: Sulpher // Ministry // U.N.K.L.E

VÖ: 05.05.2008

Die Trennung der Nine Inch Nails von den kreativitätshindernden Fesseln der Musikindustrie scheint bei Trent Reznor wirklich eine Art Schaffensschub eingeläutet zu haben, dessen Resultate Stück für Stück an die treuen Fans verteilt werden. Früher gaben Bands an Fanclubs Sondereditionen oder auch schon mal Weihnachtsalben heraus, heutzutage beschenkt uns Onkel Trent über das Internet. „The Slip“ heißt also jenes Werk, welches dankenswerterweise kostenlos für jene bereitgestellt wird, die Herrn Reznor in jeglicher Lebenslage bisher unterstützt haben. Sei es nur dadurch, sich bislang brav seine Alben zu kaufen. Allein wegen dem Grunde der Kostenfreiheit könnte man nun ein altes Sprichwort heranziehen. Genau, das mit dem geschenkten Gaul. Da man allerdings auch Pferde zu Salami verarbeiten und dann nach Geschmack beurteilen kann, verwursten wir also „The Slip“ zu kleinen, handlichen Portionen und schauen, wie es uns bekommt.

Schnell merkt man: Trent Reznor wollte wirklich jeden seiner Fans beschenken, sei er eher an den älteren, härteren Songs der „Downward Spiral“-Ära orientiert, dem Popalbum „With Teeth“ verfallen oder den jüngsten Elektronikeskapaden des „Year Zero“. So gibt es mit „Discipline“ einen Song, den man auch als weiteren „The Hand That Feeds“- oder „Only“-Remix verkaufen könnte, bei dem aber immerhin das dazugehörige Video einigermaßen lustig ist. „Lights In The Sky“ ist die übliche Quotenballade - „Hurt“, „Something I Can Never Have“ und „Zero Sum“ lassen grüßen. „Head Down“ hat eindeutige Referenzen bei „Year Zero“, dem Titel „The Great Destroyer“ gar nicht mal unähnlich und damit auch noch eines der wenigen Stücke auf diesem Album, die wirklich gut geworden sind. „Corona Radiata“ ist mit seinen sieben Minuten Ambientgefrickel eine längere Fassung des „Ghost“-Projektes, nur das absolut gar nichts passiert. Ebenso wie jener ist „The Four Of Us Are Dying“ rein instrumental, mit dem Unterschied, dass letztgenannter einer der besten Songs auf „The Fragile“ gewesen wäre. Sie, werte Leser, mögen vielleicht bemerkt haben, dass ich dazu neige, jeden Titel irgendwo im bisherigen NIN- Oeuvre einzuordnen. Ich kann ihnen versichern, dies ist keine Absicht, es drängt sich einem nahezu auf, so sehr wurde hier auf schon einmal vorhandene Ideen zurückgegriffen.

2005 erschien „With Teeth“, von vielen Fans und der Kritik völlig als Anbiederung an Chartrock verrissen. Die Ursache darin sah man in Reznors Abschwur Drogen gegenüber. Dann kam „Year Zero“. Elektronischer, ideenreicher und vor allem eigenständig. Und 2008? Erst „Ghosts“, halbfertige, jeweils zwei- bis dreiminütige Schnipsel, aus denen man sehr gute Stücke hätte machen können. Nun „The Slip“, ein nettes „Give-Away“, gleich Kugelschreibern und Notizblöcken auf irgendwelchen Messen. Böse Kritiker könnten jetzt meinen, Trent Reznor würde eine übergeordnete Instanz a.k.a. Plattenfirma benötigen, die ihm qualitativ auf die Finger klopft. Meine persönliche Meinung ist: Lieber alle zwei Jahre ein Album vorgelegt zu bekommen, auf dem wirklich jeder Song überragend ist, anstatt sich aus einer Fülle von Veröffentlichungen diese mühsam herausarbeiten zu müssen. Momentan entsteht aus der quantitativen Fülle der Nine-Inch-Nails-Veröffentlichungen nur qualitatives Mittelmaß. Bestenfalls.

Klaus Porst

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