Rezension

Nick Cave & The Bad Seeds

Skeleton Tree


Highlights: Girl In Amber // Anthrocene
Genre: Melancholie // Rock // Ambient
Sounds Like: Grinderman // Wovenhand // Madrugada // Evangelist

VÖ: 09.09.2016

„Skeleton Tree" ist Trauer. Zusammen mit dem Film „One More Time With Feeling“ verarbeitet Nick Cave auf diesem Album den Tod seines 15-jährigen Sohnes. Dementsprechend schwermütig und schwerfällig sind die acht Stücke des Albums gehalten. Die Luft ist zum Zerreißen und nicht nur einmal fragt man sich: Warum tut er sich das an? Warum diese Öffentlichkeit? „Skeleton Tree“ musikalisch zu bewerten, kann im Grunde nur scheitern, da es ein Album ist, das, so scheint es, nur dazu da ist, einer Person dazu zu dienen, mit der eigenen Situation klarzukommen. Cave, dessen Texte schon immer eher zynisch als lebensbejahend waren, sitzt dabei am Piano und singt in sich hinein.

Dementsprechend reduziert präsentieren sich die Bad Seeds. Caves Klagen sind zentraler denn je, einzig der Einfluss Warren Ellis‘ tropft aus jeder Pore. „Skeleton Tree“ ist auch das Zusammenspiel der beiden – Ellis, welcher im Studio Streicher und Synthesizer einspielt und daraus verschiedene Loops bastelt, und dem einsamen Pianisten Cave. Der Rest der Band rückt soweit in den Hintergrund, wie es nur geht. Problematisch wird es an dieser Stelle für die, welche sich von diesem Setting nicht ergreifen lassen. „Skeleton Tree“ als Album bietet kaum Höhepunkte, es lebt allein von seiner Geschichte. Einzig herausragendes Stück ist „Girl In Amber“, bei welchem Cave auf wunderschönen Melodiebögen reitet. Den persönlichsten Text des Albums hat wohl “I Need You”, auf dem Cave seltsam distanziert von der ihm umgebenden Soundlandschaft singt. Stimme und Instrumente finden scheinbar nicht zusammen, dennoch ist dieses Stück von zentraler lyrischer Bedeutung. Überraschend ist „Distant Sky“. Hier ist Cave nur Anmoderator, das eigentlich zentrale Element ist Sopranistin Else Torp, die den Refrain „Let us go now // My only companion // Set out for the distant sky // Soon the children // Will be rising // Will be rising // This is not for our eyes” als eine Art Wiegenlied intoniert.

Über weite Strecken passiert auf “Skeleton Tree” wenig. Es ist daher für jene, die nicht in der Biografie des Künstlers mit aufgehen, sondern nur das Werk als solches fassen, wohl eher eine Enttäuschung. Gerade nach „Push The Sky Away“, dem wohl besten Album seiner Karriere, fehlt es hier vor allem am Zusatz „And The Bad Seeds“. Es erinnert an die Zeiten von „The Boatman’s Call“. Deutlich bemerkbar ist das Fehlen Mick Harveys. Es bleibt daher unabhängig vom Kontext abzuwarten, ob ein thematisch reguläres nächstes Album, wann auch immer es kommen mag, wieder die Kurve bekommt oder Nick Cave And The Bad Seeds im Grunde nur noch die Zelebrierung der Männerfreundschaft Nick Cave / Warren Ellis ist, welche nach vielen Soundtracks nun auch in der eigentlichen Hauptband überhand genommen hat. Trotz all der Virtuosität Ellis‘ und dem Schaffungsvermögen Nick Caves ist die Rückkehr zur „Band“ dabei die spannendere Option.

Klaus Porst

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