Rezension

N.E.R.D.

Seeing Sounds


Highlights: Everyone Nose // Laugh About It
Genre: R'n'B
Sounds Like: The Roots // P. Diddy // Timbaland

VÖ: 06.06.2008

Wenn NERD tatsächlich das ist, was die Neptunes Pharrell Williams und Chad Hugo mit Kollege Shae Haley „wirklich sind“, ihr eigentliches Leben, dann stellt sich die Frage, wieso dies „true life“ so hinter den Möglichkeiten zurückbleibt, die eines der bestimmenden Produzententeams dieser Jahre sonst für andere Künstler auf die Beine stellt. Das soll nicht heißen, das Album sei schlecht, im Gegenteil, es macht einen Höllenspaß, vielmehr wirkt es, in aller Perfektion, wie mit links produziert, wie eine Übung, die eigene Handschrift zu festigen, statt sich weiterzuentwickeln.

NERD präsentieren sich hier als die Lieferanten des perfekten rocklastigen R’n’B, der uns seit wohl bald zehn Jahren die Tage verschönert und versaut. Zum Großteil auf kommerziellen Erfolg gebürstet, versucht „Seeing Sounds“ zwischen klassischen Pop-Elementen (Pop und Soul der 60er bis 80er), Rockriffs – zur Begeisterung der „rockenden“ College-Studenten – und R’n’B für die weltweite weiße Mittelschicht den perfekten zeitgemäßen Popsong in zwölffacher Ausfertigung abzuliefern. Problem? Fehlerfrei ist nicht gleich gut. Überzeugen die gewählten Mittel und Einzelteile fast durchgehend, ertappt sich das Gehirn doch viel zu häufig, Arrangements und Melodien klängen altbekannt: die NERD- und auch Neptunes- Handschrift. Besonders auffallend ist dies bei „Kill Joy“ – dem Track, der wahrscheinlich bei den Crossover-Party-Kindern am besten ankommen wird –, zieht sich jedoch durch das ganze Album.

Selbstverständlich ist dies, das Talent und das Verständnis für Pop in einen eigenen Stil umzuwandeln, einer der Gründe, warum „Seeing Sounds“ weitgehend nicht nur gefällig, sondern poppig begeisternd daher kommt. Andererseits verdeutlicht dieser Gleichklang – im Gegenspiel zu den drei, vier herausragenden Songs des Albums – wie viel Potential die drei Nerds verschwenden. Der Funk von „You Know What“ und das zitierende Kopieren von großem 60er- und 70er-Jahre-Pop in „Sooner or Later“ bleiben Ausnahmen. Das Talent der Neptunes für Percussion und Beats zeigt sich ebenfalls viel zu selten. So steht „Laugh About It“ ziemlich alleine da, mit seinen immer mal wieder einen Wimpernschlag neben dem Takt platzierten Drums. Vor allem aber hält „Seeing Sounds“ in keinem Moment das, was die Vorabsingle „Everyone Nose“ versprach. Es scheint fraglich, ob im populären R’n’B-Geschäft dieses Jahr noch ein solch zerstörter Beat, ein solch energetischer, jazzig betonter Track veröffentlicht werden wird. Diese positiven Ausnahmen gehen jedoch in dem – Spaß machenden – Durchschnitt aus Hives-Hop („Time For Some Action“, „Windows“) und überdrehtem „Godzilla-meets-King-Kong“ Crossover („Spaz“) unter.

Spaß, Spaß, Spaß. Die besten Hits der 00er und von heute, das bietet „Seeing Sounds“ durchgängig. Ansonsten dominieren ein wenig enttäuschte Erwartungen.

Oliver Bothe

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