Rezension

Memory Tapes

Player Piano


Highlights: Wait In The Dark // Yes I Know // Worries
Genre: Indie-Pop // Synth-Pop // Chillwave
Sounds Like: Memory Cassette // Weird Tapes // Arms And Sleepers // New Order

VÖ: 15.07.2011

Der jährliche Sommer braucht seinen Soundtrack wie jeder Hollywood-Film auch. Ohne geht einfach nicht. Man muss sich schließlich in ein paar Jahren noch zurückerinnern können, an diesen warmen Sommer, an dem man abends am Baggersee mit der süßen Tanja rumgeknutscht hat. Auf das Gedächtnis kann man sich nicht verlassen, also müssen Songs her. Wie gut, dass sich seit letztem Jahr ein ganzes Genre diesem Bedarf verschrieben hat. Chillwave (die Älteren lesen: Dream Pop) heißt der Retter für jedes Sommermixtape und wer den Namen schon einmal gehört hat, ist wahrscheinlich auch schon über Memory Tapes gestolpert.

Oder Memory Cassette. Oder Weird Tapes. Ja, es hat bis 2009 gedauert, bis Dayve Hawk, der Mann hinter dem Ganzen, sich mal auf einen Bandnamen festlegen konnte. Nach dem eher lo-fi-poppigen „Seek Magic“, das zwar mitunter überschwänglich von der Presse aufgenommen wurde, allerdings für ein breiteres Publikum noch zu verschroben war, soll nun „Player Piano“ auch noch die Tür zu den Altbau-Balkons da draußen aufstoßen. Mehr Melodie lautet das Motto und Memory Tapes gehen diesem Vorsatz auf ihrem Zweitling dermaßen engagiert nach, dass sie gar nicht merken, wie häufig sie dabei über das Ziel hinausschießen.

Was auf „Player Piano“ mit einem wunderschön und liebevoll arrangierten Popsong beginnt („Wait In The Dark“) und kurz darauf nochmal mit einer Atmosphäre aus Twin Peaks und sanftem Hitzeflimmern aufflackert („Yes I Know“), wird im weiteren Verlauf des Albums durch cheesy 80er-Synth-Pop-Sound mit banalstem Strophe-Refrain-Schema wieder im Keim erstickt. Vielleicht funktioniert das noch, wenn die Sonne den ganzen Tage über das Hirn weichgekocht hat, aber spätestens in den lauen Abendstunden kommt man dann doch zur Erkenntnis, dass das hier eigentlich verdammt langweilig ist.

Wenn dann noch Instrumentals dazukommen, die vollkommen deplatziert permanent den Albumfluss zerhackstücken, dann verliert auch die eigentlich ganz gute Idee, das Album mit einer Vintage-Music-Box ein- und auszufaden, vollends an Bedeutung. „Player Piano“ kann sich des Eindrucks nicht erwehren, recht lieblos zusammengestellt worden zu sein, wodurch besonders die Atmosphäre gewaltig leidet. Wer daher richtige Erinnerungsstützen für den Sommer haben möchte, findet diese auf der neuen Washed-Out-Platte wesentlich leichter.

Benjamin Köhler

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