Rezension

Memory Tapes

Grace/Confusion


Highlights: Neighborhood Watch // Sheila
Genre: Chillwave // Dreampop // Synth-Pop
Sounds Like: Hot Chip // Washed Out // Toro y Moi

VÖ: 07.12.2012

Anmut oder Verworrenheit? Oder vielleicht sogar beides zusammen? Der Titel des neuen Albums der Memory Tapes schraubt die Erwartungen ganz schön hoch und ist auch – soviel kann schon verraten werden – tatsächlich etwas vermessen.

Der Mann hinter dem Projekt, Dayve Hawk, der früher auch schon unter den Namen Weird Tapes und Memory Cassette fleißig Musik zusammengebastelt hat, äußert sich zum Projekt und zu „Grace/Confusion“ folgendermaßen: „I've always explained Memory Tapes as pop music as field recordings. I decided to showcase a kind of chaotic reaching. I don't think the record is flat-out shooting in all directions though, because I kept trying to reign it in as much as I embraced it. That's why I call it „Grace/Confusion“.“ Hört sich doch soweit ganz nett an. Das Problem an der Sache ist nun leider, dass diese Versprechungen nur recht unbefriedigend eingelöst werden. Die verheißene „Confusion“ hat man andernorts schon wesentlich konsequenter gehört und auch was die Anmut angeht, vermag es Hawk nicht, irgendjemanden aus der Strandhütte herauszulocken.

Wurde das Debütalbum noch überwiegend positiv aufgenommen, ja auf manchen Blogs geradezu abgefeiert, so kam das Zweitlingswerk „Player Piano“ nicht annähernd so gut weg. Als zu belangslos und musikalisch uninspiriert wurde es abgetan. „Grace/Confusion“ schließlich geht einen etwas anderen Weg als die beiden Alben zuvor, vielleicht auch, um der Kritik der mangelnden Entwicklung aus dem Weg zu gehen. Das 40minütige Album besteht aus nur sechs Songs, womit sich Hawk die Bürde auferlegt, seine Songs so komponieren zu müssen, dass die Spannung über fünf bis achteinhalb Minuten gehalten wird. Beim Opener „Neighborhood Watch“ gelingt das noch ganz gut, Zikadenzirpen zieht uns zunächst in die Gefühlswelt eines Sommerabends am Strand, der säuselnde Gesang und die etwas aus der Zeit gefallen wirkende Synthiemelodie werden glücklicherweise nach circa drei Minuten von einem an Yeasayer erinnernden Conga-Rhythmus und einem knarzenden Bass abgelöst, die dem Song doch noch etwas Charakter verleihen. Zum Ende des Songs hin wird die Stimmung zunehmend düsterer, ein Abgleiten in eine Distortion-Orgie. Dunkle Wolken ziehen auf, die Sommeridylle ist zerstört und der Hörer fürs Erste versöhnt. Der zweite herauszuhebende Song ist „Sheila“, der ebenfalls geprägt ist von Field Recordings und einer Mischung aus Bassläufen und 80er-Synthie-Anleihen.

Die restlichen vier Songs des Albums fallen qualitativ dagegen stark ab, etwas uninspiriert wirken sie und Hawk kann es nicht verheimlichen, dass sie fast alle nach nahezu genau dem gleichen Muster aufgebaut sind. Eingedenk des Erscheinungstermins am Winteranfang wird „Grace/Confusion“ daher wohl leider in der musikalischen Versenkung untergehen, dieses Album kommt nämlich nicht nur jahreszeitlich zu spät. Was im Sommer 2010 vielleicht noch sehr gut funktioniert hätte, kann heute nicht mehr wirklich begeistern – zu viele andere Bands erfüllen mittlerweile das Programm Hawks wesentlich entschiedener und ideenreicher als dieser selbst.

Christoph Herzog

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"Sheila" im Stream
"Neighborhood Watch" im Stream

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