Rezension

Mark Lanegan Band

Gargoyle


Highlights: Nocturne // Beehive // Emperor
Genre: Alternative // Blues // Electronica
Sounds Like: Leonard Cohen // Tom Waits // The Gutter Twins

VÖ: 28.04.2017

Über Mark Lanegan sprechen heißt, Stimmbänder mit Teerstraßen zu vergleichen, über Whiskeykonsum zu sinnieren und überhaupt in jeder erdenklichen bildlichen Form hervorzuheben, was den Ex-Screaming-Trees-Fronter und QOTSA-Intimus so einzigartig macht: seine unglaubliche Stimme, in die der Geist von Leonard Cohen hineingefahren sein muss – so könnte man meinen, wenn Lanegan nicht schon länger so klingen würde und Cohen nicht erst vor wenigen Monaten den Weg allen irdischen Lebens gegangen wäre. Auf Lanegans neuen Soloalbum „Gargoyle“ ist das brunnentiefe Reibeisen-Organ erneut der unverrückbare Dreh-und Angelpunkt, um den alles kreist. Der ganze Musikrest drumherum? Setzt vor allem in Szene – und macht doch den Unterschied.

Es ist nämlich gerade nicht so, als hocke Mark Lanegan wie der titelgebende Wasserspeier ganztags irgendwo auf der zerklüfteten Kathedrale des Alternative Rock, starre auf alles, was sich da so tummelt, und ließe ab und an mal ein tiefes Gurgeln hören. Dass er Bock auf Weiterentwicklung und Veränderung hat, bewies zuletzt sein Soloalbum „Phantom Radio“, wenn auch mit mäßigem Erfolg: Der Versuch, mit modernen Electrosounds unter dem Joch hervorzubrechen, das einem eine Stimme wie ein Unterweltgott nun einmal auferlegt, glückte auf Albumlänge nicht regelmäßig genug. „Gargoyle“ versucht es erfolgreicher mit einem Mittelweg.

Im Opener „Death's Head Tattoo“ dienen ein brüchiger Beat aus dem Drumcomputer und ein stoischer Bass als Basis. Synthesizer flirren im Hintergrund, E-Gitarren füllen den Sound auf und über allem knarzt Lanegan. Die Verbindung von Elektronik und Alternative-Sound funktioniert hier wieder so gut, wie auf dem 2012er Album „Blues Funeral“ und auch dessen hypnotische Sogwirkung ist wieder da. Noch dunkler, aber auch stimmungsvoller wird’s im passend betitelten „Nocturne“: ein Song wie eine nächtliche Autobahnfahrt durch Fledermausland, dem piepsige Arpeggios aus dem Retro-Synthesizer zusätzlich Blade-Runner-Feeling verpassen.

Viele Songs auf „Gargoyle“ schlagen Kapital aus Mark Lanegans Fähigkeit, einen gewissen gotischen Grusel in Rocksongs zu gießen, ohne textlich zu konkret zu werden und dadurch in Fantasy-Gefilde oder Steampunk-Fanfiction abzudriften. „Blue Blue Sea“ kommt sogar inklusive einer Ode an den Wasserspeier auf hoher Zinne und stützt das Ganze klanglich durch eine Kirchenorgel, ohne dabei albern zu klingen. Ganz anders dann wieder „Emperor“: ein locker aus der Hüfte groovender Gitarrenrocker, der in seinem Überschwang eher wie ein Überbleibsel aus Josh Hommes Songfundus klingt – der QOTSA-Frontmann ist natürlich just bei diesem Song im Hintergrund als Gast zu hören. Auch „Goodbye Beauty“ zeigt Lanegan noch einmal von einer anderen Seite als der überwiegende Rest von „Gargoyle“: Die unaufgeregte Ballade tauscht hypnotische Rhythmen gegen folkiges Songwriting und lässt ihn vielleicht deutlicher als je zuvor nach dem anderen einsamen Wolf des Rock, Tom Waits, klingen. Und dann ist da noch „First Day Of Winter“ an vorletzter Stelle der Tracklist, das auf eine seltsame Art und Weise fast schon Weihnachtsstimmung verbreitet.

Am Ende ist „Gargoyle“ eben nicht nur eine Rückkehr zu alter Form, sondern auch ein Stück Befreiung aus alten Mustern. Mark Lanegan bleibt auch hier der Mann mit der Apokalyptiker-Stimme, doch zahlreiche große Songwriting-Momente zeigen, dass er deshalb nicht unbedingt ein One-Trick-Pony sein muss. Vielfältiger – und stellenweise positiver gestimmt – als hier hat man ihn bisher wohl noch nie gehört.

David Albus

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