Rezension

Mario Masullo & Andrea Gabriele

Les Coleurs Ne Meuvent Pas Les Peuples


Highlights: Breathless // Saturated Feeling // What’s Love
Genre: Downbeat Electronics // Dreamtronics // Electronic Souljazz
Sounds Like: Air // International Pony // Tosca // Matthew Herbert

VÖ: 10.04.2009

An einem frühsommerlichen Abend, wenn die Sonne im Westen tief steht, ihre Strahlen unter dunklen Wolken auf noch junge Blätter fallen, erscheinen Farben manchmal fast surreal. Der Betrachter fühlt sich ganz ohne Drogen bewusstseinserweitert. Eine ähnliche Wirkung ergibt sich beim Hören von „Les Couleurs Ne Meuvent Pas Les Peuples“ der beiden Italiener Mario Masullo und Andrea Gabriele. Um einen ihrer Songnamen anzuwenden: Es stellt sich eine Sättigung der Gefühle ein.

Das Klischee des Gefühls, in rosa Wattewölkchen gepackt zu sein, wird ergänzt durch die andere Plattitüde der extrem geschärften Sinne. Während folglich die Klänge voller schmerzhafter Klarheit wahrgenommen werden, verbreitet sich ein Empfinden wohliger Geborgenheit.

Gitarre und Percussion, Spielzeug- und Feldaufnahmen, Flöten, Pfeifen und analoge Synthesizer versetzen den Hörer in einen Zustand zwischen Regression und Weltflucht ins All, wobei das Bild dieses Weltraums vollkommen analog erzeugt und von plüschigen Außerirdischen bevölkert wird. Die geschaffenen Klangräume überzeugen allerdings nicht durchgängig. Über inszenatorische Mängel lassen jedoch die von den elektronisch-ambienten Stücken erzeugten Soma-Räusche schnell hinwegblicken. Verwirrt also ein Takt einmal, klingt das Atmen im Albumhöhepunkt „Breathless“ weniger atemlos als lechzend, kompensiert dies die beruhigende Schönheit der nachfolgenden Takte, der umgebenden Arrangements. Die Musik wirkt als effektiver Tranquilizer mit stimmungsaufhellender Nebenwirkung.

Allein „Yes I Wanna Do It“ mit seiner nervösen lateinamerikanischen Percussion und der Dancefloorjazz des „Dub In Blue“ durchbrechen diesen Grundcharakter und wirken so weniger als Auflockerung, denn als Störfaktor in den harmonischen Klangwelten des Albums. Am Ende platziert, hinterlassen diese beiden Stücke somit zwar einen leicht faden Beigeschmack, vermögen aber nicht, den Gesamteindruck zu schmälern, eine Wahrnehmung, die subtil an die von Airs „Moon Safari“ ausgelösten Empfindungen erinnert. Selbst scheinbar altbackene Stücke wie „Fantastic Trees“ passen sich perfekt in die wohlig einhüllende, erhebende wie erdende Grundcharakteristik ein. Auch ein leicht nervöses Stück wie „What’s Love“ ergänzt einfach und effektiv die wärmend-soulige Atmosphäre des Albums. Harmonie und Erhebendes bestimmen das von Flötenklängen durchzogene „Underclouds“. Die Grundstimmung legt jedoch bereits gleich zu Beginn „Few Birds“ mit fließenden Synthesizerflächen und Andrea Gabrieles umarmendem Gesang.

„Les Couleurs Ne Meuvent Pas Les Peuples“ ist ein erstaunliches, ein heimeliges, aber nicht langweiliges Werk, ein Wohlfühl-Album, das fesselt. Gabriele und Masullo vermögen zu vermeiden, dass ihre durchaus nicht topaktuellen Klangbildern altmodisch erscheinen. Vielfältig aber nicht sperrig, gleichzeitig einheitlich aber nicht einfallslos entwerfen sie poppige Kleinode.

Oliver Bothe

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