Rezension

Marika Hackman

We Slept At Last


Highlights: Before I Sleep // Claude's Girl // Animal Fear // Monday Afternoon
Genre: Indie-Folk // Singer-Songwriter
Sounds Like: Joanna Newsom // Julia Holter // Haruko // Anna von Hausswolff

VÖ: 13.02.2015

Vom Burberry-Werbeplakat über die Freundschaft mit Laura Marling und die Tour zusammen mit den Indie-Darlings von Alt-J hin zur gefeierten Songschreiberin. Das ist – ziemlich verknappt – die Entwicklung, die Marika Hackman in den letzten Jahren genommen hat. Dabei interessiert sie sich kein Stück für Sonnenbrillen, wie sie in Interviews gerne verkündet. Dann klingt es beinahe wie eine Entschuldigung für ihr Engagement als Model für die britische Nobelklamottenmarke. Was ihrer Karriere sicher nicht abträglich war, ist Hackman heute fast peinlich. Der Kern der Wandlung: weg von der Welt der Äußerlichkeiten, hinein ins Innere, ins Herz einer verschrobenen Welt aus Gedanken und Melodien.

„We Slept At Last“ ist ein entschiedenes „Ja“ zum Zweifel, zur Dunkelheit und Schwere. Und dennoch ist das Destillat der zwölf Songs eine eigenartige Schönheit – subtiler, funkelnder und vielleicht auch etwas komplexer als jene der Reklamewände. Hackman wartet auf ihrem Debüt-Album mit bezaubernden Melodien auf und erfüllt spielend die hohen Erwartungen, die aus den bisher veröffentlichten EPs und der Zusammenarbeit mit Alt-J entstanden (sie ist auf dem zweiten Album der Briten im Song „Warm Foothills“ zu hören). Gleich zu Beginn des Albums wird im Opener „Drown“ deutlich, dass hier über den gewohnten Indie-Folk der letzten Jahre hinausgegangen wird. Vordergründig führen Hackmans Stimme und eine simpel gezupfte Gitarre durch den Song. Im Hintergrund jedoch bauen Drone-Sounds eine immense Spannung auf, wie man sie sonst vielleicht nur bei Anna von Hausswolff erlebt. Gesanglich bewegt sich „We Slept At Last“ zumeist zwischen Joanna Newsom und vor allem Haruko. An letztere fühlt man sich insbesondere durch die Nacht-im-Wald-Stimmung von „Before I Sleep“ erinnert – allzu leicht fällt es, ein Knistern im Unterholz hineinzuinterpretieren, jedes Geräusch wird mit Bedeutung aufgeladen. „Monday Afternoon“ belegt die Faszination Hackmans für mittelalterliche Musik und mit „Animal Fear“ hat es sogar ein ausgewachsener Popsong auf das Album geschafft. Dieser bildet einen starken Kontrast zu den beiden zerbrechlichen und extrem intimen Songs „Claude's Girl“ und „In Words“, die ihn einrahmen. Bei aller Intimität beschränkt sich die Körperlichkeit in „We Slept At Last“ auf ein Mindestmaß. Körper werden zwar stets thematisiert, wirklich präsent sind sie allerdings nicht. Auch die Referenzen, etwa auf die protofeministische Kurzgeschichte „The Yellow Wallpaper“, verdeutlichen die Vehemenz, mit der sich Hackman von der Welt der Äußerlichkeit abgrenzt.

Marika Hackman ist nicht bloß eine weitere schöne junge Frau mit Gitarre, sondern sie erfüllt mit dem Debüt die Hoffnungen, die sich nach den ersten EPs eingeschlichen hatten und begeistert mit mutigem Songwriting, das gewohnte Muster bewusst sprengt und neue Perspektiven aufzeigt.

Christoph Herzog

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