Rezension

Marika Hackman

I'm Not Your Man


Highlights: Boyfriend // My Lover Cindy // Apple Tree
Genre: Songwriter // Grunge // Slacker
Sounds Like: Courtney Barnett // The Big Moon // Pavement

VÖ: 02.06.2017

Dirk von Lowtzow hat mal sehr treffend in einem Interview gesagt, dass es in der ach so alternativen Indie-Musikszene natürlich Sexismus gibt, und zwar zuhauf. Je bekannter eine Band, desto männlicher ist sie wahrscheinlich. Und spielt dann eine Frau mit, wird sie oft genug darauf reduziert, wie toll es ist, dass eine Frau mitspielt, anstatt einfach die Musikerin zu würdigen und respektieren, völlig egal, mit welchem Geschlecht sie sich identifiziert. Marika Hackman hat diesen Sexismus sicher auch schon oft genug zu spüren bekommen, ihr Debüt „We Slept At Last“ sowie ihre EPs wurden wahrscheinlich nicht nur einmal als weiblich-emotional betitelt, anstatt es einfach als melancholische, tiefe, verträumte Musik zu beschreiben, ohne dem Ganzen einen Geschlechterkontext zu geben.

Doch mit „I’m Not Your Man“ dreht Hackman den Spieß jetzt um. Ein Indie-Songwriter-Album, das sich um Feminismus, Sex und Identität dreht. Auch musikalisch ein großer Mittelfinger, keine behutsame Gitarrenmusik mehr, sondern Into-The-Face-Grungesound. Gleich der Opener „Boyfriend“ brettert los und gilt als Paradebeispiel. Im Musikvideo dazu dreht Hackman die Rollen um, teils spielt im Video (siehe unten) eine männliche Band ihren Song, als ihre weibliche Begleitband im Wechsel fungieren ihre Freundinnen von The Big Moon. Durch dieses schräge Rollenvertauschen wird ganz simpel klar, wie sinnlos elendige oberflächliche Rollenzuschreibungen sind.

Das hier ist die bislang raueste Musik von Marika Hackman, aber auch die euphorischste, die herzblutigste. Drauf los und alles rauslassen anstatt jeden noch so tiefen Gedanken noch tiefer reflektieren. Beides hat etwas für sich, aber jetzt ist es Zeit für ersteres. Sie hat keine Lust mehr, über „Wasser, Seen und Bäume“ zu singen, wenn sie einfach nur angepisst ist, dass es mit ihrem „Girlfriend vorbei ist“, sagt sie selbst. Rein in ihre Teenager-Fantasie, Frontfrau einer lärmenden Band zu sein, so Hackman. Weil Hackman auch in lärmig eine sehr gute, lässige Songwriterin („My Lover Cindy“) ist, funktioniert das super.

Daniel Waldhuber

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