Rezension

Marika Hackman

Any Human Friend


Highlights: I'm Not Where You Are // All Night // Hand Solo
Genre: Indie-Rock // Singer-Songwriter // Folk-Pop
Sounds Like: Phoebe Bridgers // Courtney Barnett // The Big Moon

VÖ: 09.08.2019

Marika Hackman weiß, was sie tut. Ihr drittes Album beginnt langsam und düster, man könnte fast meinen, der Opener „Wanderlust“ sei ein Bonustrack ihres Debütalbums „We Slept At Last“, das sich durch ebenso leisen, textlich kryptischen Folk auszeichnete. Doch dann folgt ein Geräusch, ein „big whirring vroooooom“, wie Hackman es in einem Interview bezeichnet, man denkt an Zeitmaschinen und Dimensionsportale in alten Sci-Fi-Filmen. Plötzlich findet man sich in der Jetztzeit wieder, bei einer Musikerin, die seit 2015 ihr Arsenal für Text und Sound stetig erweitert hat.

Die Dunkelheit ist geblieben, aber da ist auch jede Menge Wut, Sex, Humor. Und Pop. Nach dem Durchschreiten des Portals landet man im zweiten Track, „The One“, wird überrascht von einer fröhlichen Gitarre, die auch jeder Indieband der 2000er gut gestanden hätte. Und Hackman findet in diesem wie in anderen Songs des Albums so unverblümte Worte wie in keiner ihrer vorherigen Veröffentlichungen. „I fucked it up with the saddest songs“ ist dann wohl auch die nicht ganz ernst gemeinte Selbstkritik. Traurige Lieder finden sich immer noch, aber sie sind nahbarer, eingebettet zwischen Synthies und Indiepop, der sich auch mal ein Gitarrensolo oder elektronisches Beatgefrickel erlaubt. Allein die erste Single „I‘m Not Where You Are“ ist ein Hit, den die Songwriterin vor einigen Jahren so noch nicht hätte schreiben können.

„Any Human Friend“ ist Hackmans bisher beste Platte. Eine feministische Platte, die offen in der Selbstbetrachtung (siehe Cover), aber auch angriffslustig im Blick auf die Welt ist. Es ist die sinnige Weiterentwicklung der beiden Vorgängeralben, selbstbewusster Ausdruck einer Künstlerin, die keine Lust hat, falsch verstanden zu werden. Sie singt über gleichgeschlechtlichen Sex, über Masturbation, über die Wut auf das „patriarchal law“, über den Schmerz nach einer Trennung und die Frustrationen im Umgang mit den eigenen Gefühlen. Dass sie zum Schluss, im Titeltrack, ihre kurzgefasste Sicht darauf darstellt, was es heißt Mensch zu sein, lässt einen als Zuhörer versöhnlich zurück: „We're golden.“

Marc Grimmer

Sehen


Video zu "Hand Solo"
Video zu "The One"

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