Rezension

Louis XIV

Slick Dogs And Ponies


Highlights: Guilt By Association // There's A Traitor In This Room
Genre: Glam-Rock // Schmalz-Rock
Sounds Like: The Darkness // Radioballaden von Alternative-Rock-Bands

VÖ: 22.02.2008

Selbst im großen, bunten Helga-Universum kommt es eigentlich recht selten vor, dass auf einem zu rezensierenden Album dieser berüchtigte Parental-Advisory-Sticker prangt. Das ist nicht weiter verwunderlich, da sich fett-korrekte Aggro-Berlin-Gangsteralben, bei denen der Four-Letter-Word-Seismograph in Sekundenabständen ausschlägt, normalerweise ebenso am wachsamen Auge unserer Qualitätskontrolle vorbeimogeln wie Death-Metal-Tiefschläge, in denen Mord und Zerhackstückung von Jungfrauen inklusive ergänzenden Zubereitungs-und Serviertips thematisiert werden. Nein, mit dem Coolness garantierenden Aufkleber kann der Zweitling einer Band protzen, die schon mit ihrem Debütalbum Scharen von zarten, kichernden Jungfern die Schamesröte ins Gesicht getrieben hat: Louis XIV.

"The Best Little Secrets Are Kept" hieß 2005 die Scheibe, gegen die die Schulmädchenreport-Reihe so prüde wie ein Jane-Austen-Roman wirkte. We don't need to get your clothes off to get it on hieß es da, oder: Milkshake, Milkshake I love to see you sweat, dem Chocolate Girl wurde höchst unzweideutig der Hof gemacht und dazu deren little Asian friend zur trauten Dreisamkeit eingeladen. Doch Asche auf das Haupt derer, die nun vermuten, dass Louis XIV auch auf "Slick Dogs And Ponies" weiter versuchen werden, die Gina-Wild-Filmographie mit fetzigen Glam-Rock-Goldstückchen zu vertonen. Nein, nein und nochmals nein, Louis XIV wollen nun ernst genommen werden, sowohl auf textlicher als auch auf musikalischer Ebene. Libido, ade!

Ein Blick auf die Tracklist zeigt, dass diese Entwicklung an sich nicht völlig verkehrt sein kann - oder wer hätte sich in einem Lied mit dem Titel "Misguided Sheep" wirklich eine sexuelle Thematik gewünscht? Ein weiteres Beispiel: Auf dem Vorgänger wäre in einem Lied mit dem Titel wie "Sometimes You Just Want To" wohl höchstwahrscheinlich ein Wunsch zum Ausdruck gebracht worden, zu deren Erfüllung die zumindest partielle Entkleidung einer gut gebauten Blondine nötig gewesen wäre. Anno 2008 wird der Liedtitel jedoch nun zu Sometimes you just want to be alone vervollständigt, einem Einblick in eine gequälte Sängerseele also, die Conor Oberst im Vergleich so depressiv wie Paris Hilton wirken lässt. Von ähnlich beeindruckender Poetizität sind tiefschürfende Selbstdarstellungen wie I'm as free as the bees, I do as I please in "Swarming Of The Bees", das in einem Anfall von Originalität zudem noch mit dem Sample eines summenden Bienenschwarms eingeleitet und beendet wird. Nur zu schade, dass Louis XIV diesen Songtext, der in einem Creative-Writing-Kurs mit Sicherheit zur 1 mit Sternchen genügt hätte, mit einem Gitarrensolo ruinieren, das klingt, als hätte es ein betrunkener Omar Rodriguez-Lopez mit seinen Füßen gespielt. Ganz allgemein steht das Gitarrenspiel, das "The Best Little Secrets Are Kept" noch zu Ohrwürmern wie "Finding Out True Love Is Blind" oder "Pledge Of Allegiance" verholfen hatte, leider viel zu oft hinter dem Schlagzeug zurück, welches in einigen Songs zudem schlicht einen so simplen Rhythmus vortrommelt, dass es mehr an einen Galeerentreiber als an eine Rockband erinnert. Doch wer braucht Gitarre, Schlagzeug oder sonstiges Klimbims, wenn man stattdessen ein Streicherquartett eine gehörige Portion Pathos auf die Songs streichen kann, wie unter anderem auf "Hopesick" oder dem Titeltrack? Louis XIV?

Na klar, Weiterentwicklung ist etwas Feines, "Schuster, bleib bei deinen Leisten!" ist nichtsdestotrotz das Sprichwort, das man dem Vierer aus San Diego zurufen möchte. Dass Louis XIV nämlich immer noch Feuer im Arsch haben können, wenn es drauf ankommt, zeigt "There's A Traitor In This Room", das in seiner Eigenschaft, einfach mal ein simpler und doch guter Rocksong zu sein, angenehm an "The Best Little Secrets Are Kept" erinnert und mit Ferkeleien wie All you want is my love in your mouth auch die verloren geglaubte Kopulierlyrik wieder hervorkramt.

Offen bleibt die Frage, ob es wirklich nur der Wunsch nach inhaltlicher Seriosität sein kann, der eine Band dazu treibt, ihre zweifellos vorhandenen Stärken zugunsten beinahe kompletter musikalischer und inhaltlicher Überschmalzung über den Haufen zu werfen. Vielleicht wollen Louis XIV ja probieren, auch die weniger leichten Mädels aufzugabeln, indem sie "einen auf einfühlsam" machen. Falls dem so sein sollte: Viel Glück, ihr werdet es brauchen - denn auf die Chicks mit Musikgeschmack dürfte "Slick Dogs And Ponies" ziemlich unsexy wirken.

Jan Martens

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