Rezension

Kele

The Boxer


Highlights: Everything You Wanted // Rise
Genre: Elektropop // Eurodance // Indie
Sounds Like: Bloc Party // Delphic // Justice // Simian Mobile Disco // Hot Chip // The Faint

VÖ: 18.06.2010

Eines vorweg: Diese Rezension wird polarisieren, genau wie auch die Musik von Kele Okereke, dem Sänger der zumindest temporär aufgelösten Bloc Party, dessen Soloprojekt seinen Vornamen trägt. Von vielen Kritikern mit soliden Reviews bedacht, wurde sein neues Album "The Boxer" von einigen wenigen aber auch total zerrissen. Ihn selbst scheint das nicht zu interessieren, so euphorisch wie auf der aktuellen Tour jedenfalls hatte ihn die Öffentlichkeit schon lange nicht mehr über die Bühne hüpfen sehen. Immerhin hat er sich mittlerweile auch von seinen Bandkollegen und dem Gewicht der E-Gitarre befreit und ersetzt diese durch Synthesizer, Turntables und Laptop inklusive Drumcomputer. Mehr Freiheiten in der Konzeption waren auch ein Grund, aus dem Kele sich der Elektronik zuwandte. Und nebenbei "kannst du {bei elektronischer Musik} auch als Amateur tolle Ergebnisse erzielen".

Damit mag Okereke Recht haben, nur setzen tolle Ergebnisse zunächst einmal gute Ideen voraus. Was wir aber während der Single "Tenderoni" zu hören bekommen, klingt als Mix aus Bloc Party und Großraumdisco-Beats eher befremdlich denn originell, geht aber nach dem anfänglichen Entsetzen sogar ganz gut ins Ohr und lädt auf die Tanzfläche ein – was man vom ersten Song "Walk Tall", der hauptsächlich durch seinen uninspiriert lärmenden Synthi-Bass auffällt, aber sonst ein bisschen substanzarm wirkt, nicht gerade behaupten kann. Der TwoStep-Verschnitt "On The Lam" wartet mit hochgepitchten Vocals auf, die Kele Okereke endlich mal nicht klingen lassen wie – nun ja, Kele Okereke – wirkt aber unharmonisch und geht mitunter ziemlich auf die Nerven. Im Übrigen soll das keine Kritik an Okerekes im Normalzustand angenehmer Stimme sein, jedoch hätte er sich über die letzten Jahre getrost ein paar neue Gesangsmelodien einfallen lassen können. Die gibt es aber nicht, stattdessen werden konstant altbekannte Schemata recycled. Ein Grund mehr dafür, dass sich weite Teile des Albums trotz des fast schon zwanghaft wirkenden Versuchs, etwas Neues zu schaffen, immer noch ziemlich nach Bloc Party anhören.

Die eigenen Wurzeln kann man eben schlecht verleugnen, warum auch, wenn Stücke wie die – zugegebenermaßen leicht kitschige – Sehnsuchtsnummer "Everything You Wanted", die auch zu den letzten beiden Bloc-Party-Longplayern gepasst hätten, sowieso zu den Highlights der Platte gehören? Auch elektronische Spielereien war man von Bloc Party zumindest auf "Intimacy" schon gewohnt, und auf Keles "The Boxer" fallen diese ab kurz vor der Hälfte der Spielzeit auch wieder auf ein vertretbares Maß zurück. Bis auf das zerfahrene "Rise" – im Übrigen der einzige uneingeschränkt gelungene vollelektronische Track auf "The Boxer" – geben sich die meisten Stücke relativ einfühlsam und ruhig. Dabei erinnern sie durchaus an einen der stärksten Bloc-Party-Songs überhaupt – "So Here We Are". Einmal mehr muss also der Vergleich mit der Ex-Band herhalten. Doch dieser zieht die Platte letzten Endes aus dem Sumpf, in den sie zuvor durch Okerekes übermotivierte Elektroexperimente hineinmanövriert worden war.

Johannes Neuhauser

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