Rezension

Kasabian

Velociraptor!


Highlights: Velociraptor! // Acid Turkish Bath (Shelter From The Sun)// Man of Simple Pleasures
Genre: Indierock
Sounds Like: dEUS // Ghinzu // Motorpsycho

VÖ: 16.09.2011

Phänomen One Hit Wonder. Immer wieder taucht es auf, aber so richtig erklären kann es keiner. Nun sind Kasabian mit ihrem mittlerweile vierten Album zwar kein Kandidat für diese Kategorie, aber irgendwie muss man doch darüber sprechen, wenn man Velociraptor! bespricht. Der Hit, das ist in diesem Fall der Titeltrack, ist so eingängig, dass er nicht nur leicht ins Ohr geht, sondern auch stunden-, tage-, gar wochenlang da bleibt. Der Song ist der Tanzsong des Jahres. Nachdem wir nun den Hit haben, wo ist das Wunder?

Das Wunder ist Velociraptor! selbst. Aber dieses Mal nicht das knapp drei Minuten dauernde Stück, sondern das, was folgt. „Acid Turkish Bath“ lässt schwere Streicher auf orientalische Melodien stürzen, auf die wiederum psychedelischer Gesang und hippieske Element folgen – im stetigen Wechsel. Wie man nach einem einfach gestrickten Hit ohne zu zögern den Wechsel in ein derart schwieriges und komplexes Stück schaffen kann, bleibt ein Rätsel. Rätselhaft geht es weiter: „I Hear Voices“ mixt dEUS mit Kraftwerk und landet trotzdem bei einem coolen Refrain. „Re-Wired“ stampft frech-naiv vor sich hin, als hätte es die ganze British-Indie-Welle der letzten 10 Jahre nicht gegeben. Kasabian ignorieren die ganze Verkopftheit, in der dieses Genre mittlerweile gefangen ist und liefern lässig einen guten Popsong. „Man Of Simple Pleasures“ steigt zu den Gorillaz ins Auto und ist so wunderbar lässig, dass es die Lebensfreude ein ganz schönes Stück hebt. Mit einem Lächeln auf den Lippen kann man noch Minuten lang „Here I Go Once Again….“ summen.

Jäh geweckt wird man aus dieser Welt von einem stumpfen Surren. „Switchblade Smiles“ versteckt sich zunächst hinter einem dunklen Beat, um dann schnell loszupoltern. Hektisch und sprunghaft bleibt das Stück nie lange in einer Spur, schwankt zwischen Ab- und Aufbruch. Könnte in besten Zeiten auch von den Nine Inch Nails stammen, wäre nicht diese Note Indierock permanent zu spüren. Um den Schluss würdig über die Bühne zu bringen, endet „Velociraptor!“ mit einem sanft-seichten psychedelischem Abgesang („Neon Moon“): „Sink Like A Stone / Hear No Sound / Time Stood Still / All We Have / Is What We’ve Done / To What We Had“. Ein wenig pathetisch, aber passend.

Ein Grund, warum Velociraptor! nicht sofort die Höchstwertung bekommt, wurde noch nicht genannt. Hier ist er: Velociraptor! ist keine EP. Bislang verschwiegen wurden die ersten vier Stücke des Albums und das völlig zu Recht. Höchstens „Days Are Forgotten“, als Durchschnittsindie und Single fürs Radio, kann man noch nennen, vom Rest bleiben weder Titel noch irgendetwas Anderes hängen. „Velociraptor!“ ist das Stück, das die Platte teilt, denn es weckt den Hörer auf und entzieht jeder Belanglosigkeit den Boden – nur damit Kasabian in diesem und den nächsten sechs Stücken zeigen können, zu welchen Großtaten sie in der Lage sind. Also: Nicht vom Einstieg verschrecken lassen, zu Nummer fünf skippen und genießen, staunen, wirken lassen. Und am Ende nochmal dahin zurück und drei Minuten tanzen.

Klaus Porst

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