Rezension

Juse Ju

Millenium


Highlights: Kranich Kick // TNT // MTVs Most Wanted // Unter der Sonne
Genre: Deutschrap
Sounds Like: Fatoni // Antilopen Gang // Mädness

VÖ: 19.06.2020

Juse Ju ist sicher nicht der neue große Hype im Deutschrap. Muss er auch nicht sein. Wenn der Durchbruch erst mit Mitte 30 und dem dritten Album kommt, steht man der Idee von Musik als Karriere wahrscheinlich auch eher entspannt gegenüber. Wenigstens weiß man, dass man jetzt sein Publikum gefunden hat und nicht den Trends hinterherrennen muss, um anzukommen. Juse Ju macht also einfach da weiter, wo er mit „Shibuya Crossing“ 2018 erfolgreich aufgehört hat – vielseitig in Themen, Flows und Beats.

Eine kleine, aber nicht unwichtige Änderung gab es bei der Arbeit an „Millennium“: Wie schon die Antilopen Gang bei „Abbruch Abbruch“ vor ein paar Monaten hat sich der Rapper das Münchner Kollektiv C.O.W. als Executive Producers ins Boot geholt, um die Beats von Dexter, Enaka oder Cap Kendricks nochmal nachzuschleifen und dem Album trotz aller Abwechslung einen durchgängigen Sound zu verpassen. Ziemliche Leistung, denn das Spektrum reicht von Trap über Boom Bap bis Piano-Pop und nichts davon wirkt altbacken oder unpassend.

Wie auf dem Vorgänger führt Juse Ju weiter durch seine bunte Biografie. Das kann teilweise ganz schön bedrückend sein, wenn es etwa um die Zivildienst-Zeit in der Psychiatrie („TNT“) oder den Krebstod seines Mentors und Patenonkels geht („Unter der Sonne“). Trotzdem sind diese Geschichten Highlights des Albums, gerade weil sie auch musikalisch funktionieren und zum Beispiel bei „TNT“ mit dem Kniff einer gesungenen Hook über geschrammelter Gitarre gekonnt kontrastiert werden. Und mit Tracks wie „Kranich Kick“ oder „Ich Hasse Autos“ gibt es ja auch die nötigen Banger, die nach vorne gehen.

Statt wie üblich auf Fatoni oder Edgar Wasser zurückzugreifen, wagt sich Juse Ju dieses Mal etwas weiter aus der Feature-Komfortzone. Auf „Edgelord“ zwingt ihn Milli Dance von Waving The Guns, den ironischen Vorhang zurückzuziehen, den er in der Vergangenheit oft über politische Aussagen gezogen hatte. Antisemiten muss man sich eben mit klaren Worten entgegenstellen. Von Mädness lässt er sich zu mehr Entspanntheit anstecken, während sie in „MTVs Most Wanted“ lässig geflowt über erfüllte Träume und das gute Leben rappen. Und durch Nikita Gorbunov und Mia Juni kommt bei „Model In Tokio“ sogar ein bisschen Songwriter-Gefühl auf.

Getragen von Juse Jus Erfahrung als Battle-Rapper und der Stärke seines Storytellings wechseln die Lieder gekonnt zwischen Melancholie, Humor und Prahlerei, oft von einer Zeile zur nächsten. „Millennium“ fehlt der rote Faden des letzten Albums, aber die Tracks sind zu gut, um sich daran aufzuhalten. Es ist die Bestätigung, dass er das hohe Niveau locker halten kann und die wachsende Aufmerksamkeit, die ihm bis vor ein paar Jahren vorenthalten wurde, auf jeden Fall verdient hat.

Marc Grimmer

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Video zu "TNT"
Video zu "Kranich Kick"
Video zu "Ich hasse Autos"

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