Rezension

Joanna Newsom

Divers


Highlights: Sapokanikan // Waltz Of The 101st Lightborne // Divers // A Pin-Light Bent // Time, As A Symptom
Genre: Folk // Klassik // Songwriter
Sounds Like: Björk // Antony & The Johnsons // Joni Mitchell // Joanna Newsom

VÖ: 23.10.2015

Eine Platte wie Joanna Newsoms neues Meisterwerk (!) „Divers“ bringt den Musikschreiberling an seine Grenzen. Was gibt es groß zu schreiben, wenn die Musik so sehr völlig für sich spricht? Wenn es sich nach vier Songs schon so anfühlt, als hätte man eigentlich mindestens fünf ganze Alben gehört? „Divers“ sprengt jegliche Maßstäbe und schafft sich seinen ganz eigenen. Joanna Newsom war schon immer außergewöhnlich, eine unglaubliche Künstlerin, Sängerin und Instrumentalistin zugleich, Songwriterin und Komponistin auf einmal. Einer dieser Aspekte hebt sich mit ihrem vierten Album nun auch endgültig in ganz eigene Sphären: der der Songwriterin. Noch nie hat sie all ihre Fähigkeiten so sehr auf den Punkt, auf den jeweils einzelnen Song, konzentriert wie auf „Divers“.

Die Platte hören ist ungefähr so, wie es gewesen sein muss, als Kind das erste Mal durch einen Abenteuerspielplatz-Märchenwald zu tapsen. Hinter jeder Ecke wartet etwas Unvorhergesehenes, Zauberhaftes, jedes Mal etwas Neues. Mit das Beste an „Divers“ ist, dass sich das auch nach dem zwanzigsten Mal Hören noch so anfühlt. Über die Anzahl der Instrumente hat Newsom wohl selbst keinen Überblick, manche schleichen sich nur für eine kurze, dennoch unverzichtbare, Melodie ein.

Unberechenbar, unvorhersagbar, nicht nur die Vielfalt der Instrumente, auch ihr Klang. Da klingt eine Gitarre mal nach bestem Krautrock („Goose Eggs“) oder ist mal knarzig verzerrt („Leaving The City“). Selbst wenn man nur etwa das Klavier in „Sapokanikan“ betrachtet, ist es unglaublich, wie kreativ Newsoms Spiel ist. Auch ruhige Songs wie „The Things I Say“ werden zum Zauberwerk, durch die Variation in ihrer Stimme oder das Versinken des Songs in sich selbst. Besonders spannend wird es oft, wenn das Schlagzeug einsetzt. Großartig auch der „Waltz Of The 101st Lightborne“, herzerwärmend das Akkordeonsolo am Ende, ein wahres Schifferklavier. Wie die krautige Gitarre das Solo übernimmt, das Klavier das Ganze herunterbringt, sich Akkordeon, Geige, Gitarre und Stimme noch einmal andeuten, mehr geht kaum. Neben all dem Wahnsinn kann Newsom mit Songs wie etwa „A Pin-Light Bent“ auch pure Schönheit: „In our lives is a common sense // that relies on the common fence // that divides, and attends // but provides scant defense“.

So abgefahren und entdeckungsreich die Musik, so spannend die Texte. „Sapokanikan“ etwa erzählt eine alternative Geschichte New York Citys. Ihr Titel ist der Name eines indianischen Dorfes, das sich dort befand, wo heute der Meatpacking District Manhattans liegt. Jeder Song eine Kurzgeschichte oder eine Anekdote. Eines von Newsoms Hauptthemen ist die Zeit, und ihr Verstreichen. Das zeigt sich gerade mit dem letzten Song „Time, As A Symptom“. Newsom hat hier einen einfachen, aber seltenen Clou, das Symptom zu übergehen: Die Platte endet mitten im Wort, „Trans„ ist die letzte Silbe, die zu vernehmen ist, bevor der Song in Vogelgezwitscher untergeht. Das erste Wort des ersten Songs „Anecdotes“ ist „Sending“, zusammen ergibt das also das Wort „transcending“ („überwinden“). Hört man die Platte einfach von Neuem, bleibt man in der Welt Joanna Newsoms, dann überwindet man als Hörer für einen Moment die Zeit, und schafft sich seine ganz eigene Nische. Dieser Trick steht symbolisch für die Gewitztheit und Genialität der Joanna Newsom, die mit „Divers“ ein Werk schafft, dessen einzige Referenz die Platte selbst ist. Im Prinzip könnte man über jeden einzelnen Song eine Rezension von dieser Länge schreiben.

So vielfältig, überraschend „Divers“ ist, so groß ist wohl die Gefahr, überladen daherzukommen. Doch Newsom weiß auch, wann weniger mehr ist. Eins der Highlights der Platte ist der Titelsong, mit sieben Minuten der kürzeste längste Song einer Newsom-Platte, vergleichsweise sparsam instrumentiert, aber keineswegs weniger eindringlich. Überhaupt, die Eindringlichkeit: So viele moderne Musik eignet sich sowohl als Musik, die im Vordergrund steht, als auch als solche, die im Hintergrund laufen kann. Newsoms Musik nimmt den Raum, in dem sie läuft, ein. Sie dringt in deine Gedanken ein, sie ist deine Geschichte für den Moment, in dem du sie hörst, völlig egal, wie laut oder leise. Sie bereichert dich, sie ist ein Erlebnis, sie ist im wahrsten Sinne des Wortes unfassbar.

Daniel Waldhuber

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