Rezension

Idles

Brutalism


Highlights: Well Done // Mother // Faith In The City // Divide & Conquer
Genre: Punk
Sounds Like: Black Flag // The Fall // Sleaford Mods

VÖ: 16.06.2017

Sie sind laut, sie sind wütend und sie sind unberechenbar. Jawoll, endlich mal wieder eine Punkband, bei der man genau überlegt, ob man sich live in die erste Reihe stellt! Denn Sänger Joe Talbot hat kein Problem damit, mal außer Kontrolle zu geraten. Und den Gitarrenhälsen der beiden Gitarristen Mark Bowen und Adam Devonshire auszuweichen, klappt auch nicht immer... Die Rede ist von den Idles aus Bristol, die nach langem Hin und Her ihr Debüt abliefern und damit ziemlich viele Nerven auf einmal treffen. „Brutalism“ gelingt das Kunststück, den Punk angemessen zu zelebrieren, und es ist schon eine Weile her, seit dies das letzte Mal richtig geklappt hat.

Musikalisch gehen die Idles keine Kompromisse ein: Die Drums sind verdammt tight, zusammen mit dem Bass sowieso der stetige Puls des Sounds. Dazu schreddern die Gitarren, dass man die geschundenen Sehnenscheiden quasi vor sich sehen kann – aber jederzeit melodiöse und ausgefeilte Riffs. Sowieso verzichten die fünf Briten auf Dilettantentum und aufgesetzter DIY-Attitüde und das ist auch gut so. Sonst wären Hymnen wie „Well Done“ oder „Faith In The City“ auch nur halb so authentisch.

Im Vordergrund bleibt aber Sänger Joe Talbot. Wobei der eher weniger singt, sondern vielmehr ins Mikro bellt beziehungsweise in bester Sleaford-Mods-Manier eine Art „Sprechgesang“ zum Besten gibt. Und auch wenn der Mann so aussieht, als ob man ihm auf keinen Fall nachts auf der Straße begegnen möchte – er hat das Herz am rechten Fleck und seine Lyrics beweisen, dass die Idles eigentlich ganz coole Dudes sind. Denn Talbot legt thematisch den Finger in die Wunden. Er prangert die Zweiklassengesellschaft an, macht Depression zu mehr als „nur“ einem Wehwehchen und findet deutliche Worte, was sexuelle Gewalt angeht: "Sexual violence doesn't start and end with rape / It starts in our books and behind our school gates / Men are scared women will laugh in their face / Whereas women are scared it‘s their lives men will take" („Mother“).

„Brutalism“ ist trotz des beschränkten Baukastens, den Punk nun mal hergibt, eine spannende Platte, die viel im Sound variiert und an den richtigen Stellen auch mal das Tempo zügelt oder ganz rausnimmt. Dazu kann man gespannt sein, zu was die Idles in Zukunft fähig sind. Denn der Abschlusstrack, die Halbballade „Slow Savage“, zeigt eine ganz andere Richtung auf und auch die klingt vielversprechend. Bis dahin wird die Band aber sicherlich noch über die ein oder andere Bühne wüten. Denkt dran: Abstand halten.

Benjamin Köhler

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Video zu "Well Done"
Video zu "Mother"

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