Rezension

Herman Düne

Giant


Highlights: I Wish I Could See You Soon // Bristol // No Master // Take Him Back To New York City
Genre: Folk
Sounds Like: Phoenix // Calexico // Belle & Sebastian // Peter Björn & John

VÖ: 23.02.2007

Wieso scheinen alle aktuellen Veröffentlichungen in diesen frühen Wochen des Jahres 2007 sehr gut bis fantastisch zu sein? Des Weiteren: Warum meinen manche Bands, sich mit riesigen Geheimnissen umgeben zu müssen?

Immerhin klären Herman Düne in letzter Zeit besser auf, vielleicht war es bei so einem grandiosen Album wie "Giant" nötig. Herman Düne, das sind 2006 – als das Album schon in Frankreich erschien – die französichen Brüder David-Ivar aka Ya Ya und André, zusammen mit ihrem Cousin Néman, ihrer – angeblichen? – kleinen Schwester Lisa Li-Lund und den The Woo-Woos. Hinzu kommen neben Doctor Schonberg die Bläser der The Jon Natchez Bourbon Horns. André wiederum lässt 2007 seine Herman Düne Tätigkeit phasenweise oder auf Dauer ruhen und tritt als Stanley Brinks auf. Soviel Klarheit muss sein.

Als wahre Kosmopoliten legt dieses Kollektiv mit "Giant" ein in allen Teilen perfektes Folk-Album vor. Folklore, die sich neben den im Pop allgemein zu findenden Elementen der amerikanischen Folkmusik des mittleren 20. Jahrhunderts und dem immer populärer werdenden Americana ("Your Name/ My Game") auch Elemente des südamerikanischen und ost-, bzw. südosteuropäischen Liedguts, ja sogar des Klezmers ("Baby Bigger"), einverleibt. Hinzu kommen immer wieder jazzige Elemente. Jazzig im Sinne von Jazzrock und Swing ("Bristol", "Pure Hearts", "No Master"). Und alles ist durchtränkt von Schonbergs und Némans Percussions.

Gäbe man dem inzwischen veralteten Gerücht nach, es handele sich bei Herman Düne um Schweden, ließen sich wunderbare Querverweise zu den Shout Out Louds, Peter Björn and John und der Cato Salsa Experience aufbauen, anstatt sich an Herman Dünes Kooperationen im Anti-Folk-Umfeld (Julie Doiron, Kimya Dawson (Ex-Moldy Peaches)) und John Peels (R.I.P) Vorliebe für sie abzuarbeiten. Auch das aktuelle Album hätte Mr. Peel sicher gefallen; schon das international als Vorab-Single genutzte "I Wish I Could See You Soon" als Albumseröffnung verzaubert und ist so unglaublich schön, mit den dahinperlenden Background-Vocals, den stilsicher eingesetzten Bläsern und dem Dialog zwischen Background- und Lead-Gesang: "Do you really think she will wait for you?" "There is no way to say and there is nothing I can do". Auf "Giant" treffen perfekte Arrangements auf herrlich alltägliche Geschichten. Wo letztes Jahr I'm From Barcelona ein Album vorlegten, das vor Kitsch nur so triefte, machen Herman Düne einfach alles richtig. Natürlich könnte "I Wish ..." ein Glückstreffer sein, aber "Nickel Chrome" mit Zeilen wie "There is nothing like the sun/ through the window coming in/.../ and the sunlight on your skin" macht genau dort weiter. Es bezirzt mit wunderschöner Melodie und den glockenklaren Stimmen der Woo-Woos das Herz, und lässt Dich im Winter nach dem Sommer, und in einer abgestandenen Beziehung nach einer frischen Liebe sehnen. Alles, was das Album ausmacht, Miniaturhaftes, einfach Folkloristisches sowie Verschrobenes, findet sich vereint in "Take Him Back To New York City", dem Lied, das mit Bläsern und zauberhaftem Backgroundgesang, Sprüngen und Harmonie, uns New York vermissen lässt, sogar wenn wir es nie gesehen haben.

Im Grunde ist das furchtbar altmodisch, aber das hat noch niemanden gehindert, Belle & Sebastian zu lieben, oder sich in Cat Powers Alben zu verlieren. Vielleicht wird auch "Giant" irgendwann zu kitschig, aber da ist so viel eigenes, so viel ehrliche Freude am Spiel, das bisher keine Ermüdung eintritt. Vielleicht ist es der französische Akzent, der auch Phoenix diesen ganz besonderen Sex-Appeal verleiht.

Am Ende sind das viel zu viele Worte über ein Album, das so groß scheint, dass ich nicht glauben kann, dass es einfach nur ein Folk-Album ist. Ein Album, das eigentlich leicht und harmlos hörbar sein sollte, aber viel zu aufwühlend schön ist, um harmlos genannt werden zu können.

Oliver Bothe

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