Rezension

Hadouken!

Music For An Accelerated Culture


Highlights: That Boy That Girl // Crank It Up // Driving Nowhere
Genre: New Rave // Grime // Garage-House // Elektro-Trash
Sounds Like: The Prodigy // Does It Offend You, Yeah? // Shitdisco // Mediengruppe Telekommander

VÖ: 04.07.2008

Wie viele von uns wünschen sich nicht selbst in die eigene, unbeschwerte Kindheit zurück? Als wir noch keine Gedanken an Karriere und Konsorten verschwendeten, sondern es uns leisten konnten, ohne schlechtes Gewissen ganze Nachmittage lang via Street Fighter am Super Nintendo virtuell die Fäuste und anderes, surrealeres Zeug fliegen zu lassen, dass es nur so knallte. Klar, dass sich da so mancher daran gerne zurück erinnert und, falls er sie nicht sowieso aufgehoben hat, tunlichst zusieht, sich die Memorabilia aus der guten alten Zeit auf Ebay ein zweites Mal zu sichern.

Nicht ganz so, aber auch ähnlich machen es auch Hadouken! aus Leeds. Die haben sich gleich nach einem Move aus oben erwähntem Prügelspiel benannt (Dank geht in den Albumcredits unter anderem an Ryu und Ken), importieren diverse Gameboy-Tunes in ihre Musik und scheinen auch ansonsten noch nicht viel reifer zu sein als damals, als man für die ersten Erfahrungen mit Alkohol und anderen Rauschmitteln vom Gesetz her eigentlich noch zu jung war. We are the wasted youth / and we are future, too – die Party-Crasher-Hymne “Get Smashed Gate Crash” reißt die Bude mit hektischen Breakbeats eigentlich schon ohne weiteres Zutun ein. Wenn die Fratellis die Indie-Ballermänner sind, dann sind Hadouken! wohl Malle, Spring Break, Loveparade und Apres-Ski in Ischgl zusammen.

New Rave mal anders – wo die üblichen Verdächtigen Indie-Rock mit elektronischen Elementen kombinieren, holen sich Hadouken! ihre Inspiration bei Grime und Garage-House. Ohne Zweifel noch nicht dagewesen und auch legitim – schließlich verdingte sich Frontmann James Smith schon als Producer bei einem lokalen Grime-Label – doch alles hat ja bekanntlich auch seine Kehrseite. Die eigenen Rap-Skills, die gelinde gesagt zu wünschen übrig lassen, hatte Smith als Produzent ja noch nicht in die Waagschale werfen müssen. Auf „Music For An Accelerated Culture“ jedoch reihen sich unaufhörlich billige Paarreime aneinander, und der richtige Flow kommt durch die hektische und angestrengte Stimmcharakteristik ohnehin nicht zustande.

Muss ja auch gar nicht sein, zumindest nicht bei den zahlreichen Anheizer-Nummern auf der Scheibe, die mit Vollgas nach vorne preschen, und sich hauptsächlich mit der Thematik Party und Exzess beschäftigen. So beispielsweise die grandiose Single „That Boy That Girl“, deren Zielgruppe leider aber wohl genau jene „Hoxton Heroes“ und „Indie Cindys“ sein werden, über die sich in den Lyrics echauffiert wird. Oder „Liquid Lives“, einer Geschichte über vier wohl fiktive Charaktere, die im Rausch ihr Leben zerstören, bei der der erhobene Zeigefinger aber irgendwo zwischen Refrain und pumpendem Beat untergeht. Schade nur, dass der Track gegenüber früheren Versionen nochmals modifiziert wurde, und so beträchtlich an Power verloren hat.

A propos Kraftverlust: Auch einige gesetztere Nummern finden sich auf „Music For An Accelerated Culture“, diese wirken jedoch irgendwie gezwungen und eingeschnürt, und wollen, mit Ausnahme des schönen „Driving Nowhere“, so gar nicht zum Rest der Platte passen - zumal man den Ansatz beispielsweise konsumkritischer Texte („Spend Your Life“) als Hörer irgendwie nicht so richtig ernst nehmen will. Schade, dass es das leicht emo-orientierte, deutlich bessere „Leap Of Faith“, welches sich auf dem 07-er USB-Stick-Mixtape „Not Here To Please You“ befand, genau wie das ebenfalls erstklassige „Dance Lessons“ leider nicht auf die Scheibe geschafft hat.

Um die ganzen Eindrücke abschließend prägnant zusammenzufassen: Hadouken! machen, rein objektiv betrachtet, ziemlich beschissene Musik mit hohem Trash-Faktor, die dennoch ihren Charme versprüht und gewaltig mitreißt. Und nicht - wie etwa bei einem Alexander Marcus – nur vor dem Hintergrund entstand, dass für ernsthaftere Klänge die Skills fehlten, um kommerziellen Erfolg herbeiführen zu können, sondern schlicht und einfach aus Spaß und Leidenschaft. Wobei obiger Vergleich Hadouken! zum einen definitiv erzürnen würde, und ihnen zum anderen auch zu null Prozent gerecht wird. „Music For An Accelerated Culture“ ist wie eine Kneipentour durch England auf Speed: Laut, hektisch, prollig und ohne Limit. Nur auf Hauspartys eingeladen, das werden die fünf Briten jetzt wohl seltener. Nicht, dass noch was kaputtgeht.

Johannes Neuhauser

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