Rezension

Grandfather

In Human Form


Highlights: Organ Thief // Wishes // Sorry
Genre: Rock // Noise-Rock // Prog-Rock
Sounds Like: Soundgarden // The Jesus Lizard

VÖ: 13.08.2013

Musik veröffentlichen ohne Label – es ist ambitioniert, kann aber klappen. Bands wie Protest The Hero oder Misery Signals bitten Fans um Finanzierung ihrer Platten – Stichwort "Crowdfunding". Und es läuft. Die Beträge sind hoch gesteckt, trotzdem spenden die Leute wie wild und die Ziele sind am Schluss weit übertroffen. Sieht die Zukunft der Musikbranche so aus? Setzt sich durch, was gut ist und nicht das, was sich vermarkten lässt? Machen die Idealisten letztlich das Rennen? Für Prognosen ist's noch etwas früh. Aber ein Blick auf Grandfather deutet an, dass es hinhaut.

Schon ihre zweite Platte schicken die Vier mit "In Human Form" ins Rennen. Kickstarter half beim Karrierestart, Steve Albini (Nirvana, Mclusky, The Jesus Lizard) beim Aufnehmen ihres Debüts "Why I'd Try". Fürs Zweitwerk saß Alex Newport (The Mars Volta, Melvins) an den Reglern – ja, allein mit ihrer Musik haben die New Yorker anscheinend die Richtigen beeindruckt. Und jetzt veröffentlichen sie das neue Werk über ihre Homepage. Gratis. Ja, diese Platte kostet nix. Verrückt? Sagen wir mal: idealistisch. Die Band zog für "In Human Form" in ein brachliegendes Industriegebiet. Lebte dort. Baute sich eine eigene Dusche. Ließ Mahlzeiten aus, um Geld zu sparen – voller Fokus auf die Musik. Inzwischen schmiss man sie aus dem Proberaum. Die Platte erscheint trotzdem.

Darauf walzen sich Grandfather durch mächtig produzierte Stücke, die herrlich knarzen und keinerlei Ecken und Kanten aulassen. Der Opener "Spun" springt gleich mit Arschbombe in eine Pfütze aus Schlamm, beschwörender Gesang macht die Nummer eingängig. Hysterisches Gelächter verzerrt dann "Organ Thief" ins Bizarre, mit dem Song folgt ein Groove-Monster. "Rearrange" klingt später heftigst benebelt, so psychedelisch wie hier sind Grandfather nirgendwo. "Wishes" hingegen gipfelt in einem Jam des Irrsinns. "In Human Form" ist verspielt wie vielseitig, grantig wie virtuos, dreckig wie ausgeklügelt. Und durchzogen von subtilem Wahnsinn und verlockender Finsternis.

Obwohl hier manches Mal die Neunziger schon zu präsent anklingen, sind Grandfather nie auf einzelne Vorbilder festzunageln. Hin und wieder täuschen sie Grunge an, zerschreddern die Assoziation aber gleich wieder mit beißender Saitenarbeit ("Sorry") oder verkopft-vertracktem Drumming ("Two-Face"). "In Human Form" ist sperrig – und das macht es zur guten Platte. Es fordert Einarbeitung, entlohnt mit kühnen Momenten. Schwierig, anspruchsvoll und gemacht für die Nische. Schon Toll, dieser Idealismus.

Gordon Barnard

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