Rezension

Grails

Doomsdayer's Holiday


Highlights: Reincanartion Blues // Acid Rain // Doomsdayers Holiday
Genre: Postrock
Sounds Like: Red Sparowes // A Silver Mt. Zion // OM

VÖ: 07.10.2008

Der Doomsday. Tag des jüngsten Gerichts, Apokalypse, Ende allen Lebens. So ein Weltuntergang kann ganz schön anstrengend sein, für jene, die untergehen im besonderen, aber auch für denjenigen, der das Ganze veranstaltet. Deshalb muss es auch für Doomsdayer mal Urlaub geben, wobei natürlich die Frage im Raum steht, wo, weil: Viel Platz zum Urlaub machen ist ja nicht mehr vorhanden. Haben sich Grails auch gedacht und statt im Reisekatalog den schönsten Schuttberg einer ehemals bewohnten Gegend zu suchen, machen sie eben die musikalische Ferienuntermalung.

So ganz im Urlaub ist man ja nie in heutigen Zeiten und so vertont der Titeltrack wenigstens eine kleine Apokalypse zwischendurch. Schepperndes Schlagzeug, grollender Bass, niederschmetternde Gitarre. „Reincarnation Blues“ besinnt sich auf frühere Zeiten, als Weltuntergänge noch in schöner Regelmäßigkeit von Auguren, Priestern und sonstigen Propheten dahergesagt wurden. Ein dudelsackähnliches Instrument weist den Weg ins Mittelalter und davor, das musikalische Chaos bahnt sich seinen Weg durch dunkle Wege und Gassen. In jener Zeit hatten vor allem die vier Apokalyptischen Reiter Urlaubsvertretung, die ihren Job eigentlich schon ganz gut gemacht hatten, sich aber auch bisweilen entspannten, so dass erwähntes Blueselement im Titel sogar zwischenzeitlich da ist, um Mut zu schöpfen. „The Natural Man“ lässt den Teufel/ Schaitan/ Devadatta/ Luzifer/ usw. dann mal lässig die Plauze in der Hängematte liegen. Ist halt immer praktisch, wenigstens ein paar Kreaturen überleben zu lassen, die einen unterhalten. Für Grails-Verhältnisse ist „The Natural Man“ unerwartet fröhlich, wie musikalische Wattewölkchen am Himmel.

Auch „Immediate Mate“ beginnt recht lässig. Ein paar Hintergrundgeräusche, ein leichter Bass, ein paar Regentropfen eingespielt – die Sintflut kann warten – später dann Geräusche im Vordergrund. Ungefähr so, als würde man die Band während des Spielens ein wenig durchschütteln. Es folgt wieder ein Blues, diesmal der Vorherbestimmungsblues („Predestination Blues“). Man kann sich während dieses Stückes gut vorstellen, welche Bewegungen jene nackte Albumcover-Dame mit dem Dämonkopf auf ihrem Plastikschwein tanzend vollbringt, um zumindest kopfabwärts eine gute Figur zum Untergang zu machen. Ein Unterwasserchor stimmt „X-Contaminations“ ein. Stille. Geräusche. Ein letztes Summen, ein letztes Dröhnen. Alle erwischt? Nein, nach zwei Minuten zunächst zaghafte Töne, dann doch Melodie, sind halt nicht totzukriegen, die kleinen menschlichen Plagegeister. Streicher, Rasseln und Zeug, das Töne erzeugt. Da die herkömmlichen Plagen wohl nicht ausreichten, um den Weltuntergang im Urlaub weiterlaufen zu lassen, hat sich besagter Bösling wohl gedacht, probieren wir mal was Neues. „Acid Rain“. Ja, selbst Schuld, Menschheit. Selbst Schuld. Erst den ganzen Kram in die Luft pusten und dann denken, das kommt nicht wieder runter. Aber falsch gedacht, wurde alles schön gesammelt und regnet nun darnieder. Wie könnte man das musikalisch besser ausdrücken als – naja – mit einem Hawaiigitarrenstück!(?). Fiese, schmalzige, sorglose Musik, um die Untergehenden in Sicherheit zu wiegen und sie dann rücklings zu vergiften. Während dieses Stück abgespielt wird, läuft garantiert im Hintergrund irgendetwas rückwärts, um Dämonen aus einer Gesteinsspalte herauszuholen. Und weil dieses Stück so unglaublich gut ist, so nonchalant daherplätschert, bemerkt man die Dämonen erst dann, wenn sie an der Haustür klingeln. Wie auch immer man dieses Album interpretieren mag, Grails schaffen einen Komplettspagat zwischen Anstrengung und Entspannung, Ferien auf dem Donnerhof.

Klaus Porst

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