Rezension

Ghost

Meliora


Highlights: Majesty // Cirice // From The Pinnacle To The Pit
Genre: Metal // Hardrock // Pop
Sounds Like: Mercyful Fate // Deep Purple // Blue Öyster Cult

VÖ: 21.08.2015

Ghost trotzen den Gesetzen des modernen Entertainment. Dass eine anonyme, maskierte Band um einen untoten Gegenpapst mit Schockrockgesten von vorgestern und ebensolcher Musik derartige Wellen schlagen und dabei auch noch unerkannt bleiben kann: in unseren längst in schulterzuckende Gleichgültigkeit geschockten Zeiten digitaler Selbstentblößung eigentlich völlig unverständlich. Einen Nerv scheinen die Schweden mit ihrer Satansrock-Masche aber zu treffen – anders wären weder ihr Erfolg erklärbar, noch die dauernden Anfeindungen aus Teilen der Metalszene, denen es irgendwie unheimlich ist, dass da mit Engelszungen über den Leibhaftigen gesungen wird, während die Musik von unheiligem Geknüppel kaum weiter entfernt sein könnte. Blasphemie! Die wollen doch nur Geld verdienen!

Wollen sie, wenn auch nicht nur. Genau genommen machen Ghost längst keinen Hehl mehr daraus, dass sie sich nicht ums Metal-sein scheren und lieber die dickste Power-Pop-Band im Geschäft sein möchten. Wie ABBA, aber mit mehr Gitarren. Stadien füllen. Die Massen begeistern. Feuerwerk. Ganz großes Theater. War das Debüt "Opus Eponymus" in dieser Hinsicht noch ein atmosphärisches Hardrock-Kammerspiel, ging der Nachfolger "Infestissumam" in seiner geschliffenen Pop-Lastigkeit schon als Musical durch. Mit "Meliora" schreiben sich Ghost nun ihre große Oper, die beide Vorgängeralben und die Cover-EP "If You Have Ghost" wie logische Wegbereiter erscheinen lässt.

2015 haben Papa Emeritus (mittlerweile in der dritten Inkarnation an Mikrofon und Weihrauchfass) und seine Ghule endgültig vor gar nichts mehr Angst – heilig war ihnen ja eh noch nie irgendwas. Deshalb klingt der Opener "Spirit" wie die Schnittmenge aus Weihnachtsmesse, Dracula-Filmabend und Deep-Purple-Konzert. Deshalb stellt das Prog-Juwel "Cirice" harte Riffs vollkommen selbstverständlich zwischen Pophooks, Akustikgitarren und orchestrale Breitseiten und ist trotzdem kein Power Metal. Deshalb kommen Ghost selbst mit dem seifigen Powerballaden-Ungetüm "He Is" durch und heimsen für einen derartig groß gedachten Refrain auch noch Lob ein.

Mit einem zufrieden-dekadenten Grinsen auf der geschminkten Totenkopffratze zelebriert "Meliora" genüsslich die völlige kreative Narrenfreiheit, die Ghost sich mittlerweile erarbeitet haben. Kein Einfall ist zu pompös, zu abwegig oder zu kitschig, als dass er nicht im Klangkosmos der Schweden völlig schlüssig Platz finden würde. Den Hang zur Opulenz, der eine Band wie Muse mit jedem Album mehr und mehr zu einer schlechten Queen-Parodie werden lassen kann, meistern die Ghule im Hand- (beziehungsweise Kreuz-)umdrehen – einfach, weil sie die clevereren Songs mit den besseren Melodien schreiben und sich ein Image ausgedacht haben, das ihnen einen unerhört weiten musikalischen Spagat erlaubt. Tatsächlich könnte "Meliora" Ghosts bisher härteste und zugänglichste Platte in einem sein. Hätte man so auch nicht erwartet – bis man "Majesty" hört, wo alle Fäden vorbildlich zusammenlaufen.

David Albus

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